„Wer solidarisch handelt, tut es auch seiner selbst Willen“

11.12.12 / 14:24

Hochkarätige RefentInnen diskutierten bei den Caritasgesprächen im Bildungshaus St. Arbogast in Götzis zum Thema „Leidenschaft: aus der Verantwortung leben?“

„Bei den Caritasgesprächen werden Begriffe in Beziehung gebracht, die vordergründig gar nicht so viel miteinander zu tun haben. Dadurch werden wir alle angeregt, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen.“ Der deutsche Mediziner und Psychiater Prof. DDr. Klaus Dörner brachte als einer der Referenten auf den Punkt, worum es bei den zwischenzeitlich zehnten Caritasgesprächen im Bildungshaus St. Arbogast geht: Sich mit den Herausforderungen für die Zukunft auseinanderzusetzen und diese zu reflektieren.

„Es sieht so aus, als ob die Zukunft nicht der Jugend sondern den alten Menschen gehört“, erläuterte Professor Dörner, dass das Endziel des Fortschrittgedankens zwar eine leidensfreie Gesellschaft bedeute, wir uns aber genau in die entgegen gesetzte Richtung bewegen. „Es gibt immer mehr alte, kranke und hilfsbedürftige Menschen.“ In seiner reichlichen Erfahrung mit behinderten und psychisch kranken Menschen habe er die Erfahrung gemacht, dass auch Langzeit-PatientInnen das Bedürfnis hatten, etwas für andere zu tun. „Es braucht ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen.“

Hoch interessant auch die Ausführungen des Dogmatikers Prof. Dr. Wolfgang Beinert, der das Thema in Anlehnung an die Katholische Kirche beleuchtete: „Jeder Mensch ist auf der Suche nach Glück. Das Evangelium sagt, dass man die Gemeinschaft mit Gott anstreben müsse, um Glückseligkeit zu erlangen.“ Die Kirche habe hingegen viel zu lange Zeit im Neuen nur das Böse gesehen. „Die Kirchenleitung will kaum Neuerungen, von unten drängen aber die Gläubigen nach Fortschritt. Je älter etwas werde, desto komplizierter werde es. „Das ist nicht nur bei Menschen so.“

Mit Fragen des gesellschaftlichen Wandels und der sich verändernden Rolle der Familie in der Gesellschaft befasst sich die Soziologin Prof. Dr. Elisabeth-Gernsheim. Auf die Frage, ob Familie als Keimzelle der Gesellschaft so noch funktioniere, antwortet sie: „Das Modell ist sicher brüchig geworden. Andere Lebensformen haben sich in das traditionelle Familienbild dazwischen geschoben, immer mehr Entscheidungen liegen in der Verantwortung des einzelnen Paares. Wie auch immer Menschen die heutige Form von Familie sehen: Es gibt kein Zurück, das Familienbild aus den 50-er und 60-er-Jahren existiert schlicht nicht mehr.“

Der Wirtschaftswissenschafter Dr. Stephan Schulmeister forderte ein vermehrtes Anteil nehmendes Denken unserer Gesellschaft. „Das, was derzeit in Südeuropa passiert, kann auch uns einholen – langsamer zwar, weil der Sozialstaat bremsend wirkt.“ Der Weg aus der Krise gehe immer nur gemeinsam, betonte Dr. Schulmeister Im Alltag stelle er in den vergangenen Jahrzehnten jedoch eine vermehrte Resignation und ein Denken unter Sachzwang – unter dem Motto „Ich kann eh nichts tun“ – fest. „Wir alle sind füreinander verantwortlich. Wer solidarisch handelt, tut es auch um seiner selbst Willen.“