Die größten Barrieren bestehen in den Köpfen

02.12.13 / 15:01

Marlies Neumüller, in der Österreichischen Caritaszentrale zuständig für politische und soziale Grundlagenarbeit im Bereich Menschen mit Behinderung und selbst Rollstuhlfahrerin, spricht anlässlich des Internationalen Tages für Menschen mit Behinderung am 3. Dezember über Hürden und Herausforderungen.

Situationen, wie folgende, passieren Marlies Neumüller laufend: Sie will im Geschäft etwas kaufen und die Verkäuferin spricht nicht mit ihr – der Rollstuhlfahrerin – sondern mit ihrer Assistentin. Marlies Neumüller hat einen Studienabschluss in Journalismus in der Tasche und arbeitet bei der Caritas Österreich im Bereich Grundlagenarbeit und Sozialpolitik für Menschen mit Behinderung.

Bei einer Veranstaltung anlässlich des 90-jährigen Bestehens der Caritas Vorarlberg war die gebürtige Oberösterreicherin zu Gast im Bildungshaus St. Arbogast. „Es wird sehr viel über uns und viel weniger mit uns gesprochen“, weiß Marlies Neumüller aus Erfahrung. „Die größten Barrieren bestehen dabei in den Köpfen der Menschen.“

Inklusion – also die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung am gesellschaftlichen Leben – lautet das in den UN-Konventionen verankerte Ziel, das es gemeinsam zu erreichen gilt. „Eine große Herausforderung dabei ist es, Perspektiven für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erarbeiten.“ Der Weg dabei gehe weg von der Betreuung, hin zur Unterstützung der Menschen auf ihrem Weg. Ganz wichtig ist ihr dabei, dass hier nicht eine defizitorientierte Sichtweise im Vordergrund steht, sondern die Stärken des Einzelnen hervorgekehrt werden.

Menschen mit Behinderung sollen dieselben Möglichkeiten haben, wie Menschen ohne Behinderung. Das heißt nicht, dass behinderten Menschen automatisch jeder Wunsch erfüllt werden muss.  „Das Leben ist für niemanden ein Wunschkonzert,“ sieht Marlies Neumüller die Sache pragmatisch und nennt gleich ein Beispiel. „Ich kann nun mal keine Marathonläuferin werden, wenn ich im Rollstuhl sitze und noch dazu kein sportliches Talent besitze. Es sollte jedoch für mich möglich sein, Wettkämpfen mit dem Rollstuhl teilzunehmen, wenn ich sportlich genug wäre.“

Das klingt selbstverständlich, ist es leider noch nicht: „Dass Menschen mit Behinderung Teil der Gesellschaft sind, ohne wenn und aber.“ Auch hier hat Marlies Neumüller ein Beispiel parat: „Gerade in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung wird sehr oft ein eigenes Freizeitangebot gestaltet. Wenn aber beispielsweise ein Bewohner gerne singt, kann er das doch beispielsweise im örtlichen Kirchenchor tun.“

In Vorarlberg sei man hier auf einem guten Weg und durch Caritas-Projekte, wie etwa „Kompass – Qualifizierung“, bei dem Menschen mit Lernschwierigkeiten fit für den Berufsalltag gemacht werden. Bundesweit ist die Schaffung von einer sozialrechtlichen Absicherung von Menschen, die in Tageswerkstätten arbeiten ein wichtiges Ziel, das es zu verfolgen  gilt. Auch wenn die Schritte in Richtung Inklusion oft sehr klein erscheinen – „rückblickend sieht man dann, dass sich sehr wohl etwas bewegt hat“, sieht Marlies Neumüller optimistisch in die Zukunft.

Ihr eigenes Leben mit Behinderung sieht sie recht sachlich: „Meine Behinderung ist ein großer Teil meiner Identität. Ich wäre sonst nicht der Mensch, der ich jetzt bin.“ Dass sie im Alltag auf Assistenz angewiesen ist, kann sehr anstrengend sein, hat aber auch seine positiven Seiten: „Es sind dadurch schon sehr viele wertvolle Freundschaften entstanden.“

Weitere Informationen zu den Angeboten im Bereich Menschen mit Behinderung der Caritas Vorarlberg sind übrigens auf der Homepage zu finden.