Am Rande der Belastung

04.08.14 / 08:34

Interview für Kirchenblatt von Mag.a Ulli Pizzignacco-Widerhofer.

Seit fünf Jahren arbeitet Maria Bou Diwan für das Caritas Migrant Center Lebanon. Waren es anfänglich die palästinensischen Flüchtlinge, die sie im Rahmen eines ECHO Projekt betreute, sind es seit März 2011 Menschen, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet sind. Und es sind viele.

Offiziell sind bei UNHCR 1,1 Millionen Menschen registriert. Zwei Drittel davon sind Frauen und Kinder. In der Realität haben bis zu zwei Millionen Menschen allein im Libanon Schutz gesucht. Gefunden haben sie ihn nicht. Für viele ist sind die Lebensbedingungen nach wie vor äußerst prekär.

Angesichts der Not der geflüchteten Menschen stehen auch die MitarbeiterInnen des Caritas Migrant Center Libanon vor einem riesengroßen Berg an Herausforderungen. Maria Bou Diwan erzählt wie sie und ihre KollegInnen versuchen damit umzugehen.

Angenommen es gibt so etwas wie Normalität angesichts dieser Katastrophe überhaupt: Wie kann man sich einen Arbeitstag vorstellen:
Das Caritas Migrant Center Libanon hat hier in der Bekaa-Ebene drei Zentren – in Talabaya, Zahle, und in Baalbeck. Unser Team in Zahle besteht auf vier Vollzeit angestellten SozialarbeiterInnen, einem Fahrer und einer Putzfrau. Ein Kollege ist für unser Lager verantwortlich, in dem wir die Decken, die Bettwäsche, die Matratzen, die Essenspakete und die Hygienekits aufbewahren bzw. zusammenstellen. Dazu kommen vier sogenannte „Outreaches“ – das sind syrische Flüchtlinge, die uns hier im Libanon gegen Bezahlung bei den Besuchen in den provisorischen Lagern unterstützen.

Wie funktioniert die Hilfe konkret:
Neu angekommene syrischen Flüchtlinge kommen zu uns ins Zentrum, wir notieren Name, Adresse und ihre Fluchtgeschichte bzw. die individuellen Notwendigkeiten. Nachdem wir nur vier ausgebildete SozialarbeiterInnen haben, übernehmen die Outreaches die Aufgabe, die Familien in ihren Unterkünften zu besuchen – wir wollen sichergehen, dass die Angaben stimmen, dass sie wirklich bedürftig sind.

Bei so viel Not, so vielen Menschen und gering dotierten Budgets der Hilfsorganisationen wäre es schade, wenn eine Familie doppelt unterstützt würde und eine andere gar nicht. Wir bemühen uns möglichst effizient mit den vorhandenen Mitteln umzugehen. Die Menschen, die die Flüchtlinge hier bei uns mit einer Spende unterstützen, vertrauen darauf, dass wir verantwortungsvoll arbeiten.

Arbeiten Sie und ihre KollegInnen jetzt Tag und Nacht?
Nein, unser Beratungszentrum hat von 8.30 Uhr bis 16.30 von Montag bis Freitag geöffnet. Wir führen ein Erstgespräch, schauen was die Menschen brauchen, vermitteln sie, wenn nötig weiter und legen eine Akte an. Wenn wir Besuche bei den Flüchtlingen machen, wird es meist später. Überstunden werden natürlich bezahlt. Im Durchschnitt machen die Sozialarbeiter und ich pro Monat 20 Überstunden. Für Notfälle haben wir eine Notfallnummer, bei der die syrischen Flüchtlingsfamilien Tag und Nacht anrufen können. Das hat sich sehr bewährt!

Warum?
Letzten Sonntag läutete das Notfalltelefon um 6 Uhr früh. In einem provisorischen Zeltlager in der Ortschaft Shtita war ein Feuer ausgebrochen. Die Zelte stehen ja sehr eng aneinander um Platz und damit Mietkosten zu sparen – deshalb hat sich das Feuer auch so irrsinnig rasch ausgebreitet. Gott sei Dank ist niemandem etwas passiert! Aber die 39 Familien haben auch noch die letzten Habseligkeiten verloren! Das Schlimmste ist, dass ihre Papiere verbrannt sind und dass sie sich überhaupt nicht mehr sicher fühlen. In den Gesprächen fiel immer wieder das Wort Brandstiftung, weil es offensichtlich nach Benzin gerochen habe. Ob das ein Gerücht ist oder die Wahrheit kann ich nicht beurteilen.

Jedenfalls konnten wir aufgrund des Nothilfetelefons, das täglich rund um die Uhr besetzt ist, sofort zu ihnen fahren. Wir haben ihnen Gewand organisiert, Essen und Trinken gebracht, neue Hygienekits, Essensgutscheine und Windeln für die Babys verteilt. Eine andere Hilfsorganisation hat Holzlatten und Plastikplanen zur Verfügung gestellt. Jetzt bauen die Männer die Zelte gerade auf, damit sie wieder ein Dach über dem Kopf haben.

Und was machen die Flüchtlinge jetzt ohne Papiere?
Wir haben ein Treffen mit einem Rechtsanwalt vermittelt mit dem wir über viele Jahre sehr eng zusammenarbeiten, der nach einer Lösung sucht. Sie sind sehr besorgt, dass ihnen die Behörden nicht glauben werden, dass es gebrannt hat. Wissen Sie, was ein junger Mann gesagt hat: „Ich möchte in einem Land leben, wo ich Nachts schlafen kann.“ Seit dem Brand trauen sie sich keine Auge mehr zuzutun.

Wie funktioniert die interne Teamarbeit im Flüchtlingszentrum?
Einmal wöchentlich treffen wir uns zu einer Teambesprechung. Da wird Aktuelles besprochen und  gemeinsam überlegt wie wir Familien helfen können, die es besonders schwierig haben. Wir teilen die Arbeit ein, damit alle wissen was zu tun ist.

Ist der Druck groß?
Ehrlich gesagt, ja! Neben der nicht enden wollenden Not der geflüchteten Familien werden wir von den Libanesen zunehmend kritisiert, weil wir uns für die „Ausländer“ engagieren. Denn auch im Libanon gibt es eine große Zahl an sehr armen, verwundbaren Menschen. In einem kleinen Land  wie dem Libanon mit vier Millionen EinwohnerInnen zwei Millionen Menschen aufzunehmen würde jeden anderen Staat auch überlasten.

Was tut ihr als Team, um mit dieser Arbeitsbelastung fertig zu werden?
Immer wieder gehen wir zusammen nach der Arbeit etwas trinken, wir lachen und blödeln gemeinsam. Eine gute Beziehung ist sehr wichtig – schließlich arbeiten wir gemeinsam in einem Team! Ohne ein gutes Miteinander geht gar nichts!

Danke für das Gespräch!

 

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