Stumme Opfer der Gewalt

03.06.14 / 08:50

Kinder sind der Gewalt von Erwachsenen meist wehrlos ausgesetzt und es ist Auftrag der Weltgemeinschaft, sie davor zu schützen.
Am 4 Juni ist internationaler Tag der Kinder, die unschuldig zu Aggressionsopfern geworden sind.

Im syrischen Bürgerkrieg sind die letzten Dämme der Gewalt längst gebrochen - die Kinder sind stumme Opfer und stranden zu Zehntausenden in den Flüchtlingslagern im Libanon oder Jordanien. Wenn sie es aus der Gewalt überhaupt dorthin schaffen.

Drei Jahre Gewalt und Chaos haben Syrien zu einem der gefährlichsten Orte der Erde für Kinder gemacht. Tausende sind gestorben, wurden verletzt, haben Beine oder Arme verloren. Ganz sicher aber haben sie ihre Kindheit verloren: Sie haben Familienmitglieder verloren, ihre Klassenzimmer, ihre Lehrer, Freunde zum Spielen, ihr Zuhause, regelmäßige Mahlzeiten, sauberes Trinkwasser und ihre Sicherheit.

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„Die Splitter einer Granate trafen die sechsjährige Fatme an Armen und Gesicht. Der Moment, als sie die Explosion aus dem Schlaf riss, verfolgt sie noch heute. Dabei hatte sie Glück im Unglück. Die notdürftig versorgten Wunden werden nur Narben hinterlassen. Noch in derselben Nacht haben sie ihr Dorf im Norden Syriens verlassen. Jetzt lebt sie zusammen mit ihren vier Geschwistern und Vater und Mutter in Rayfoun, einem winzigen Ort im hoch oben im Libanongebirge. Ein Bauer hat ihrer Familie ein Gewächshaus zum Wohnen überlassen, dafür müssen alle hart im Betriebe mitarbeiten“, erzählt Dr. Claudio Tedeschi, der derzeit für die Caritas vor Ort ist. „Die Gespräche lassen nur im Ansatz erahnen, welches Leid hier abseits der Nachrichtenkameras geschieht.“

Fatme fehlen ihre Freunde. Von manchen weiß sie, dass sie nicht mehr leben. Von anderen fehlt jedes Lebenszeichen. Fatme, so erzählt Nancy, eine Caritasmitarbeiterin, ist wie viele andere Kinder auch Zeugin von brutaler Gewalt geworden. Sehr oft sind die Kinder dabei selbst Zielscheibe, werden geschlagen und eingeschüchtert. Für gezielte psychologische Hilfe fehlen die Mittel, man sei schon froh, wenn man die Familien mit dem allernötigsten versorgen kann.

Zur Schule geht keines der Kinder, die hier in Rayfoun gestrandet sind. Barfuß stehen uns die Kinder gegenüber. Sie schauen neugierig, aber halten Sicherheitsabstand, auch wenn uns die Eltern beim Eintreffen freundlich besuchen. Sie haben alles verloren und Verzweiflung begleitet sie Tag und Nacht. Kein Umfeld, in dem Kinder ohne Gewalt aufwachsen können, denn Resignation und Verzweiflung lassen auch Eltern immer öfter zu Gewalt greifen, um sich bei den Kindern durchzusetzen.

Dimension der Gewalt unvorstellbar

Mehr als eine halbe Million Kinder sind in den letzten drei Jahren aus Syrien geflohen, noch viel mehr irren als Flüchtlinge durch das eigene Land. Im Libanon leben inzwischen mehr als 1,1 Millionen Flüchtlinge. Das Land, das selbst kaum größer als Tirol ist, trägt eine große Last.

No lost Generation

„Man ist den Tränen nahe, wenn man in die Gesichter der Kinder schaut und an ihre Zukunftschancen denkt. Eine verlorene Generation wächst hier auf. Im notdürftig mit Planen ausgekleideten Zelt erzählen uns die Frauen über ihre Versuche, sich und ihre Kinder über die Runden zu bringen“, ist Claudio Tedeschi sichtlich betroffen. „Es erschüttert, welche Narben die Gewalt den Kindern und ihren Familien schlägt. Und dabei - so sagen sie - hätten sie noch Glück - andere haben auf der Flucht auch ihr Leben verloren.“

- Claudio Tedeschi, Juni 2014

 

Zum internationaler Tag der Kinder, die unschuldig zu Aggressionsopfern geworden sind

Weltweit gibt es mindestens 50 Konfliktgebiete, in denen Menschen bewaffnet gegeneinander kämpfen. Die meisten Opfer der Kriege sind Zivilisten. Kinder sind an Kriegen völlig unschuldig und dennoch besonders gefährdet. 30 Millionen Kinder leben in Kriegsregionen. Zwei Millionen von ihnen starben in den Kriegen der letzten zehn Jahre. Sechs Millionen Kinder erlitten schwerste Verletzungen. Ungezählt sind jene Kinder, die ihr Leben lang unter den Erlebnissen leiden, die sie im Krieg erfahren mussten.

Seit über 30 Jahren macht nun die UNO am 4. Juni am „Internationen Tag der Kinder, die unschuldig zu Aggressionsopfern geworden sind“, auf jene Kinder aufmerksam, die in Kriegen und bewaffneten Konflikten zu Opfern wurden und werden. Ziel dieses Tages ist, die Leiden von Kindern weltweit, die Opfer physischer, psychischer oder emotionaler Misshandlung geworden sind, anzuerkennen und die Rechte dieser Kinder besonders zu schützen.