„Den Tagen Leben schenken“

13.10.15 / 08:32

Zwei Hände auf grünem Hintergrund. Eine Hand hält ein rotes Herz aus Plastik in der Hand. Die eine Hand liegt flach darunter.

Interview mit Hospizbegleiterin Gertrud Rotheneder

 

Warum bringst du dich ehrenamtlich bei Hospiz ein?

Das Motto von Hospiz Vorarlberg, „den Tagen Leben schenken“,  hat mich sehr angesprochen. Ich bin ein fröhlicher, optimistischer Mensch voller Lebensfreude und ich liebe die Menschen. Mein Anspruch an mich selbst ist es, Menschen in schweren Stunden beizustehen, für sie da zu sein, ihnen meine Zeit, meine Aufmerksamkeit, meine Fürsorge zu schenken.

Was ist das Schöne an der Arbeit? Gibt es auch einen persönlichen Gewinn?

Ich denke, es sind die „leisen“ Dinge, die ich in der Hospiztätigkeit zurück geschenkt bekomme. Ein Lächeln, eine Geste der Zuneigung, ein tiefer Seufzer, mit dem Menschen Kummer und Sorgen für einen Moment beiseitelassen können.
Das tiefe Vertrauen, das mir entgegengebracht wird und aus dem heraus Menschen sich öffnen und über ihre Sorgen und Nöte, ihre Zweifel und ihr Verzweifelt-sein sprechen - manchmal auch schon beim ersten Treffen. Jeder Besuch ist anders; die Menschen immer unterschiedlich - so fördert die Hospiz-Tätigkeit auch meine Fähigkeit, leise, offen, achtsam zu sein - ohne Erwartungen einen Besuch anzutreten, ganz bei mir und ganz beim besuchten Menschen zu sein und vor allem ohne Bewertung den Menschen so zu nehmen, wie er ist.

Wie gehst du damit um, dass dir die Geschichten der Menschen und die Situation des Todes nicht zu nahe gehen?


Für mich ist wichtig, nach jedem Hospiz Besuch ganz klar abzugrenzen, was zu dem betreuten Menschen und was zu mir gehört. Alles, was zu dem betreuten Menschen gehört, das lasse ich ganz bewusst bei ihm. Es ist gut, für sich selbst Rituale zu finden. Was auch hilft ist zu wissen, dass wir jederzeit die Möglichkeit eines Gesprächs mit der Koordinatorin, beziehungsweise auf Wunsch auch die Möglichkeit eines Supervisionsgespräches haben. Wir sind aufgefangen in einem Netz der Freundlichkeit, des Verständnisses. Es gibt die tiefe Sicherheit zu wissen, dass wir uns „um uns kümmern“ und dass die anderen Hospizbegleiterinnen immer ein offenes Ohr haben. Auch die monatlichen Treffen helfen da sehr.

Was mir persönlich sicherlich hilft, ist meine Einstellung zum Sterben und dem Tod.  Was mich zur nächsten Frage bringt… Wie ich einmal Sterben möchte? Vor allem möchte ich so sterben, dass ich mit mir selbst im Reinen bin und inneren Frieden verspüre. Gerne hätte ich meine Lieben, meine Familie dabei. Für mich ist es ein tröstlicher Gedanke, dass ich im Moment des Abschieds in ein liebendes Gesicht blicken kann. Ob das so sein wird - liegt nicht in meiner Hand.

Was es für mich nach dem Tod gibt?

Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Ich glaube auch daran, dass wir als Seelen wiedergeboren werden. Über die Beschäftigung mit Nahtoderlebnissen, hat sich in mir die Überzeugung gefestigt, dass es keinen Grund gibt, sich vor dem Sterben zu fürchten.