Kinderarmut in Vorarlberg

23.11.15 / 08:09

eine Mutter hält ihr Kinder fest in den Armen. Beide tragen ein blaues Oberteil.

In: Kirchenblatt, 26. November 2015

„ene mene  mu und raus bist du“

Eigentlich ist es nicht zu glauben, dass man sich im viert-reichsten Land der Europäischen Union über Kinderarmut Gedanken machen muss. Klar ist, dass unter anderem zu den armutsgefährdeten Risikogruppen im Land die Alleinerzieherinnen gehören, in dieser Gruppe betrifft das 63 Prozent, das sind ca. 10.000 betroffene Familien in Vorarlberg.

Zahlreiche Untersuchungen verdeutlichen, dass Kinder aus Familien, die in Einkommensarmut leben, ein deutlich höheres Risiko haben, in ihrer sprachlichen, sozialen oder gesundheitlichen Entwicklung beeinträchtig zu sein. In Vorarlberg sind das immerhin 20.000 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren, die armutsgefährdet sind.

Die große Anforderung besteht in der Existenzsicherung und in der Organisation des Alltages. Da kommen die Kinder zu kurz, neben der materiellen Versorgung brauchen die Kinder Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit und präsente Beziehungen. Das hat Folgewirkung für die Entwicklung der Kinder. Diese soziale Armut macht Kinder krank, macht sie einsam, beziehungslos, später arbeitslos und hat sogar eine Langzeitwirkung, weil sie Kindeskinder in ein ähnliches Schicksal treiben kann.

Neben der familienpolitischen Weiterentwicklung der Transferleistungen des Staates braucht es ein gesellschaftliches Klima, welches Kinder und Jugendliche stärkt und ihnen Hoffnung und Zukunft vermittelt. Wenn ich nur daran denke, was Mütter berichten, wenn sie eine Wohnung auf dem privaten Markt suchen müssen, welchen „Spießrutenlauf“ sie da durchlaufen müssen und was sie da zu hören bekommen.

Der Schlüssel zur gesunden Entwicklung von Kindern ist die Bildung. Alles was dazu beiträgt, dass Kinder und Jugendliche einen erleichterten Zugang zur Freizeitgestaltung, zur Weiterbildung, zur Qualifizierung, zur Kompetenzerweiterung und damit zur Persönlichkeitsentwicklung bekommen können, trägt dazu bei, aus diesem „Teufelskreis“ aussteigen zu können.

Hier ist jede und jeder gefordert „ein Netz der sozialen Aufmerksamkeit“ in seinem Umfeld zu knüpfen und Kinder und Jugendliche mitzunehmen, sie zu begleiten, vielleicht gerade die, die es nicht so einfach in ihrem Leben haben.

Es sind auch alle Initiativen zu fördern, wenn es darum geht, geeignete Mitbeteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten von jungen Menschen zu entwickeln und zu leben, sowohl im familiären Umfeld, als auch im schulischen und außerschulischen Kontext.

Schlussendlich muss allen klar sein, dass Armut allen schadet, aber am meisten schadet es den Kindern in ihrer Entwicklungsmöglichkeit. Vielleicht können wir Erwachsene uns bei der nächsten Begegnung mit Kindern vor Augen führen: Kind sind doch „ein freudiges Geschenk des Himmels“.

Michael M. Natter, Fachbereichsleiter Sozial-Beratung/Begleitung