Mit Vollrausch ins Krankenhaus

10.02.16 / 10:57

Ein kleines rosa Schild mit der Aufschrift "Nüchtern". Das Schild wurde mit einer dünnen Kette an einer Stange befestigt

Wenn am nächsten Tag für Jugendliche das „bittere Erwachen“ kommt, dann ist die Suchtfachstelle der Caritas noch vor Ort im Krankenhaus zur Stelle. Die emotionale Betroffenheit in ihrer Situation macht Jugendliche offen für ein Beratungsgespräch.


„Es ist wichtig, dass die Jugendlichen direkt im Krankenhaus aufgesucht werden. Somit kann das mit Scham besetzte Zeitfenster konstruktiv genutzt werden. Dieses Zeitfenster ist sehr kurz, am nächsten Tag wären die Jugendlichen kaum noch motivierbar, eine Beratungsstelle aufzusuchen“, weiß Projektleiterin Bettina Stefanelli-Dittinger aus Erfahrung.„Unser `Krankenhausteam´ besteht aus SozialarbeiterInnen, PsychologInnen und PädagogInnen, die alle in der Caritas Suchtberatung tätig sind.“ Das Projekt basiert auf einer Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern Bregenz, Dornbirn, Hohenems, Feldkirch und Bludenz.

Detail am Rande: Die häufigsten Meldungen kommen aus Bregenz und Dornbirn. „Die Ärzte/Ärztinnen bzw. das Pflegepersonal verständigen uns, wenn Jugendliche mit Alkohol- oder Mischintoxikation eingeliefert werden. Noch am gleichen Tag vor der Entlassung findet dann im Krankenhaus das Abklärungsgespräch statt“, erzählt Bettina Stefanelli-Dittinger.

Optimal wäre es, wenn die Eltern beim Gespräch mit dabei sind, durchschnittlich ist in knapp der Hälfte der Beratungen zumindest ein Elternteil anwesend. Bei durchschnittlich 23 Prozent der Jugendlichen wird eine Mischintoxikation festgestellt (THC, Medikamente).


Häufige Hintergründe
Oftmals unterschätzt wird die Wirkung des Alkohols von sehr jungen Menschen, die ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol machen. Auch der Mischkonsum sowie die Wirkung von gebrannten Getränken werden oft falsch eingeschätzt. Hinzu kommt, dass Jugendliche  – vor allem Mädchen – oftmals vor dem Alkoholkonsum nichts gegessen haben oder die letzte Mahlzeit schon lange zurückliegt.

„Alkohol gehört zu unserer Gesellschaft und Kultur, viele lassen sich einfach mitreißen. Aber auch persönliche Probleme – Stress, Liebeskummer und ähnliches – verleiten dazu, im Alkohol eine Lösung zu suchen“, erzählt Bettina Stefanelli-Dittinger aus der Praxis.


Ziele und Gesprächsinhalte
Ziel des Gespräches ist es, den Umgang mit Alkohol und eventuell anderen Substanzen zu reflektieren, um schlussendlich eine Wiederholung der Situation zu verhindern. Dazu werden mit den Jugendlichen Trinkregeln besprochen und auch die Wirkungen und Unterschiede von alkoholischen Getränken erklärt.
Ein weiteres Ziel ist die Abklärung, ob die Alkoholvergiftung ein „Versehen“ war, oder ob tiefergreifende Probleme dahinterstehen, bei denen es einer Weitervermittlung bedarf.


Ungewöhnliche Offenheit
Die direkte Betroffenheit, Angst vor möglichen Konsequenzen und vor allem die große Scham bieten eine sehr gute Grundlage für ein konstruktives Gespräch. In dieser Situation erweisen sich die Jugendlichen als sehr offen. Die übliche „Coolness“ macht in dieser Zeit eine Pause. Hier besteht auch eine relativ anonyme Möglichkeit, persönliche Sorgen in einem vertraulichen Gespräch zu thematisieren.

Für ein 16-jähriges Mädchen war es beispielsweise hilfreich, mit einer neutralen Person über ihren Liebeskummer zu reden und nach anderen Strategien zur Bewältigung ihrer Probleme zu suchen. Während des Gespräches wurde ihr bewusst, dass sie auf viele Ressourcen zurückgreifen kann, diese schmerzhafte Erfahrung hat sie allerdings vor eine neue, ungewohnte Herausforderung gestellt.

„Oft sind unsere Gespräche auch Vermittlungsgespräche zwischen Eltern und Jugendlichen, in denen wir gemeinsam eine Basis finden, die Situation zu reflektieren. Es geht darum, die verschiedenen Sichtweisen aufzuzeigen und zu einer konstruktiven Lösung zu kommen“, erläutert Bettina Stefanelli-Dittinger.


Zahlen und Fakten
Seit dem Projektstart im Mai 2007 gab es über 745 Kontakte zu Jugendlichen mit einer Alkoholintoxikation.

41 % der eingelieferten Jugendlichen waren weiblich, 59 % männlich.
Die Altersspanne lag zwischen 11 und 21 Jahren – die meisten eingelieferten Jugendlichen waren zwischen 15 und 17 Jahre alt.

Der durchschnittliche Promille-Wert im gesamten Projektzeitraum bei weiblichen Jugendlichen betrug 1,54 ‰ und bei männlichen Jugendlichen 1,72 ‰. Bei 15 % der Jugendlichen wurde eine Mischintoxikation festgestellt (THC, Medikamente).


Das Team
besteht derzeit aus Bettina Stefanelli-Dittinger (Projektleitung), Alice Mansfield-Zech, Christine Wachter, Sara Schild, Christine Hornich, Robert Robida


Suchtfachstelle der Caritas
Beratungsstellen in Bregenz, Egg, Kleinwalsertal, Dornbirn, Feldkirch und Bludenz
Kontakt Krankenhausprojekt: Bettina Stefanelli-Dittinger (T: 05522/200-3015, E: bettina.stefanelli@caritas.at
Internet: www.caritas-vorarlberg.at