„Das ist Aleppo: Jeder Tag ein neuer Tiefschlag“

21.10.16 / 13:37

Familie Alshalash ist in Sicherheit. Sie haben den Krieg in Syrien und noch vieles mehr überlebt. In Österreich haben sie Zuflucht gefunden. Hier arbeiten und lernen ihre Kinder, hier möchten sie sich eine Zukunft aufbauen.

 

Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Das fragt man sich zwangsläufig, wenn man ins Gespräch mit Atris Fayza kommt. Die 49-jährige wurde im Libanon geboren, ihr Vater war Palästinenser. Im Alter von acht Jahren musste sie zum ersten Mal gemeinsam mit Eltern und Geschwistern vor dem Krieg in ihrer Heimat fliehen. Fünf Jahre später schien sich die Lage zu beruhigen und die Familie kehrte in den Libanon zurück.

 

„Das war aber ein Trugschluss, der Krieg flammte wieder auf. Ein Bruder starb und wir mussten wieder fliehen. Diesmal nach Syrien, weil wir dort Verwandte hatten. Damals war ich 15 Jahre alt“, erzählt Atris Fayza. In Syrien lernte sie auch ihren späteren Ehemann Hassan kennen. Nach und nach vergrößerte die Familie Alshlash zu einer Großfamilie mit elf Kindern. „33 Jahre lebte ich dort, auch lange, nachdem der Krieg in Syrien ausbrach.“ Die menschlichen Tragödien, die die unzähligen Anschläge auf Aleppo mit sich brachten, machten der Familie schlussendlich aber klar, dass Flucht die einzige Chance zu überleben war.

 

Ehemann Hassan gesellt sich beim Gespräch hinzu. Schüchtern zeigt er ein Video auf seinem Handy. Menschen fallen zu Dutzenden zu Boden, überall Blut, Verzweiflung, Passanten, die helfen wollen, Tote, die auf einen LKW verfrachtet werden. „Wir haben uns bei diesem Anschlag mit den kleineren Kindern unter einer Stiege verkrochen und Schutz gesucht. Der Schock saß bei den Kleinen tief. Sie haben monatelang nachts nicht schlafen können“, erinnert sich Atris Fayza an die furchtbare Zeit. Auch heute noch schrecken die Kinder manchmal auf, wenn ein Flugzeug über ihrem jetzigen Zuhause – dem Caritas-Flüchtlingsquartier „Salomé“ in Bregenz – fliegt.

 

Bregenz: Hier ist zumindest ein Teil der Familie angekommen: „Unsere Kinder sind teilweise schon erwachsen, ein Sohn möchte in Wien studieren und arbeitet parallel dazu als Dolmetscher, zwei leben in Deutschland, eine Tochter in Salzburg, insgesamt sind sieben Kinder hier in Vorarlberg.“ Alle Familienmitglieder, die hier im Land leben, haben zwischenzeitlich einen positiven Asylbescheid erhalten. „Dass meine Kinder eine gute Ausbildung machen, dass etwas aus ihnen wird, das ist mir das Wichtigste“, erzählt Atris Fayza mit unverkennbarem Stolz. „Alle meine Kinder sind auch in Syrien zur Schule gegangen.“ Nach Syrien führen auch täglich ihre Gedanken und Sorgen.

 

„Einige Familienmitglieder und Freunde sind nach wie vor dort. Sie können nicht fliehen, weil sie entweder das Geld dazu nicht aufbringen können oder wie ein Cousin meines Mannes, der an den Rollstuhl gefesselt ist, ganz einfach nicht fliehen können.“ Familie Alshalash ist über WhatsApp mit ihnen in Kontakt. „Es macht mich traurig, wenn man seine Heimatstadt völlig kaputt sieht. Unser Haus gibt es nicht mehr und wenn wir mit unseren Angehörigen Kontakt haben, weiß man nie, ob sie eine Stunde später noch leben“, ergänzt auch Sohn Wael Alshalash, dass die Situation bedrückend ist. „Das ist Aleppo – jeder Tag ein neuer Tiefschlag“, gibt sich Atris Fayza nüchtern.

 

Eine Rückkehr können sich die Alshalash´s momentan nicht vorstellen, auch wenn sie die Lage in Syrien beruhigen würde. „Es ist alles kaputt. Es gibt kein Wasser, keine Schulen, keine Arbeit. Ein Leben ist dort nicht möglich. Der Wiederaufbau würde Jahrzehnte dauern.“ Einen großen Wunsch hätte die Familie: „Es ist sehr schwierig, eine Wohnung hier in Vorarlberg zu finden. Aber vielleicht finden wir auf diese Weise jemand, der an uns eine Wohnung für sechs Personen vermieten würde.“

 


Interessenten können sich gerne bei der Caritas Vorarlberg, Annibe Riedmann (annibe.riedmann(at)caritas.at; T: 0676/884203310) melden.