Wenn weniger mehr ist …

13.12.16 / 15:29

Ist Genügsamkeit Verzicht oder viel mehr eine Bereicherung für das Leben? Die 14. Caritasgespräche in St. Arbogast boten Raum und Zeit für interessante Vorträge und Fachgespräche.

 

„Durch die Caritasgespräche möchten wir Themen in der sozialen Arbeit aufgreifen, die zwar in der Gesellschaft präsent sind, normalerweise aber nicht im Mittelpunkt stehen“, erläutert Caritasdirektor Dr. Walter Schmolly das diesjährige Motto „Genügsamkeit: sich auf Unfertiges einlassen? … vom Gebot der Menschlichkeit.“ Auch wenn der Titel auf den ersten Blick vielleicht etwas sperrig klinge, so öffne es doch ein Fenster zu vielen bedeutsamen Fragen unserer Zeit. Denn dass der Grundimpuls unseres Lebensstils ein „es ist nie genug“ sei, so erschöpfe diese Haltung den Menschen sowie den Planeten. „Wir erleben dies in unserer Arbeit in der Caritas tagtäglich – von den Angeboten für langzeitarbeitslose Menschen bis hin zu landwirtschaftlichen Projekten in Äthiopien.“

 

Verzicht macht unabhängig
Dass Verzicht nicht nur im Sinne eines schlechteren Lebens gesehen werden dürfe, sondern auch viel Lebensqualität mit sich bringe, davon ist der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Dr. Daniel Hell überzeugt: „Verzicht führt auch dazu, dass man nicht abhängig ist von gesellschaftlichen Normen und Formen ist, das kann auch befreiend sein“, nannte er stellvertretend die Zunahme von Burnouts.

 

Die Politologin und Rechtswissenschaftlerin MMag. Dr. Kathrin Stainer-Hämmele griff das Thema „Verzicht“ in Zusammenhang mit den Menschenrechten auf. „Diese ist der Prüfstein einer jeden Demokratie.“ Die Gesellschaft sei nicht nur erschöpft, sondern auch ängstlich.  Als Beispiel nannte sie die Debatte um die Mindestsicherung – es gehe dabei oftmals nicht um Zahlen und Relationen, vielmehr würden Menschen gerne instrumentalisiert. „Es wird hier über etwas diskutiert, das hauptsächlich jene Menschen betrifft, die kaum eine Lobby haben. Ich sehe dabei auch die Gefahr, dass wir über Menschenrechte diskutieren, die bis vor kurzem außer Frage gestanden sind."

 

Der – so wie Kathrin Stainer-Hämmerle - ebenfalls aus Vorarlberg stammende Soziologe und Theologe Dr. Ferdinand Sutterlüty regte zum Nachdenken, an welchen Gerechtigkeitsprinzipien wir uns orientieren sollen, an. „Bei uns gilt das Prinzip: Wer mehr leistet, soll mehr bekommen.“ Das stete Wachstum sei aber nicht der „Heilsbringer“, ist Sutterlüty überzeugt. „Wenn Menschen das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten verlieren, dann nistet sich das Gefühl ein, der Zuneigung durch andere unwürdig zu sein – und umgekehrt.“ Gerade die Caritasgespräche seien aber ein Ort, wo er sehr viel Menschlichkeit erlebe.

 

Nicht Knecht von Wünschen und Hoffnungen
Der evangelische Theologe Dr. Nicolaus Schneider brachte eine weitere Dimension in die Diskussion – nämlich die des Vertrauens. „Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung für ein gutes Leben und das bezieht sich auch auf das Selbstvertrauen. Erst dadurch kann ich mich auch frei machen von Druck und bin nicht mehr Knecht von Wünschen und Hoffnungen.“ Nur wenn man auch bereit dazu sei, etwas zu verpassen, führe Genügsamkeit auch zu einem Freiheitsgewinn.

 

Mag. Bernhard Gut als federführender Organisator der Caritasgespräche fasste in einem Satz zusammen, was die Gespräche in Arbogast auch heuer wieder gezeigt haben: „Es gibt keine Garantie und Sicherheit, es gibt aber die Garantie einer gestaltbaren Zukunft.“