„Viele gute Entwicklungen, aber der Ton ist rauer geworden“

07.09.17 / 08:01

Vor zwei Jahren wurde die Herausforderung durch die Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Elend Zuflucht in Europa suchen, auch in Österreich zum „Thema Nr. 1“. Dank vereinter Kräfte konnte großes menschliches Leid aufgefangen werden. Sehr viel ist in Vorarlberg in den letzten zwei Jahren gelungen und trotzdem ist in manchem der Ton rauer geworden. Caritasdirektor Walter Schmolly zur Situation und den Herausforderungen zwei Jahre danach.

Wie hat sich die Situation seither entwickelt?

Walter Schmolly: Die Situation hat sich deutlich entspannt. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres kamen sehr viel weniger AsylwerberInnen nach Vorarlberg als in den letzten beiden Jahren. Die Zahl der geflüchteten Menschen in der Caritas-Betreuung ist gegenüber dem Vorjahr um weitere 700 Personen zurückgegangen. Das Hauptaugenmerk liegt heute deshalb stärker auf der Integration derjenigen, deren Fluchtgrund anerkannt wurde und die deshalb bei uns bleiben dürfen. Sie sollen möglichst rasch auf eigenen Beinen stehen können. 

Ist Vorarlberg für diese Herausforderung gut aufgestellt und wie ist die Integration von so vielen Menschen zu schaffen?

Walter Schmolly: Integration braucht den Willen der zugewanderten Menschen, aber auch die entsprechenden Möglichkeiten, die wir als Gesellschaft bereitstellen müssen. Wenn man sieht, dass 2016 und 2017 bereits über 900 Personen, die als AsylwerberInnen ins Land gekommen sind, auf dem Arbeitsmarkt in Vorarlberg untergekommen sind, dann zeigt das, dass Integration in Vorarlberg funktioniert. Trotzdem muss uns allen klar sein, dass Integration eine Aufgabe ist, die uns noch einige Jahre beschäftigen wird. Integration braucht einen langen Atem, gegenseitiges Vertrauen und das Engagement vieler Menschen. Und natürlich auch finanzielle Investitionen. Diese werden sich am Ende des Tages aber lohnen. 

Nehmen Sie wahr, dass unsere Gesellschaft sich durch den Zuzug der geflüchteten Menschen verändert hat?

Walter Schmolly: Es ist offenkundig, dass wir aktuell eine Phase der Veränderung in unserer Gesellschaft erleben. Die Ursachen dieser Veränderung an den geflüchteten Menschen festzumachen halte ich allerdings in vielen Punkten für falsch. Sie werden für Vieles zum Sündenbock gemacht, für das sie nichts können. Die Situation am Arbeitsmarkt, die hohen Preise am Wohnungsmarkt, die sich immer weiter öffnende Schere zwischen niederen und hohen Einkommen, all diese Entwicklungen haben ihren Ursprung weit vor der Ankunft der Flüchtlinge. Faktum aber ist, dass viele Menschen sich heute Sorgen machen um ihren Wohlstand, um die kulturell-religiöse Identität des Landes etc. Damit das Ganze sich nicht zu einer wirklichen Gefährdung des sozialen Friedens auswächst, braucht es vor allem einen verantwortungsvollen Dialog über Ursachen und mögliche Lösungen.

Ich nehme an, für die Caritas waren es zwei sehr herausfordernde Jahre?

Walter Schmolly: Wir haben im Auftrag des Landes Vorarlberg und der Gemeinden sehr viele Aufgaben in der Flüchtlingshilfe übernommen. Ich meine sagen zu dürfen, dass im Zusammenwirken mit ganz, ganz vielen Menschen und Einrichtungen diese Aufgaben recht gut bewältigt worden sind. Die Anstrengung war aber groß. In wenigen Wochen, das Angebot an Wohnplätzen und die Betreuungsstrukturen zu vervielfachen und jetzt auch wieder zu reduzieren, ist kein Honiglecken. Wir haben allein 2017 in der Flüchtlingshilfe bereits 37 Mitarbeiter-Stellen wieder abgebaut und 23 Unterkünfte geschlossen. Das ist schon sehr herausfordernd. Und dennoch ist es für uns als Caritas alternativlos, dass wir uns für geflüchtete Menschen einsetzen. Jesu Auftrag an die Christinnen und Christen ist eindeutig: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“. Das nimmt uns in die Pflicht und wir machen diese Arbeit auch gerne. 

Was war besonders schwierig?

Walter Schmolly: Angesichts der vielen positiven Entwicklungen und des großen Einsatzes von vielen Menschen trifft uns der zunehmend raue Ton in der öffentlichen Diskussion. Vielfach wird die Arbeit der Caritas auf die Flüchtlingshilfe reduziert und uns vorgeworfen, wir würden zu wenig für Mitmenschen im Land tun. Dabei haben wir bei den anderen uns ebenso wichtigen Leistungen wie beispielsweise Familienhilfe, Sozialberatung, Lerncafés oder Hospizarbeit ebenfalls mehr getan als die Jahre zuvor. Damit das weiter möglich ist, sind wir bei diesen Aufgaben natürlich weiterhin auf die Unterstützung und Mithilfe von SpenderInnen und Freiwilligen angewiesen. Ebenso hat die Verbreitung von Falschmeldungen, sogenannten Fake-News, gerade im Zusammenhang mit Flüchtlingen stark zugenommen: Es erfordert viel Energie den nachweislich falschen Behauptungen, wie z.B. Flüchtlinge bekommen von der Caritas teure Handys geschenkt, entgegenzutreten und Aufklärungsarbeit zu leisten. Und in Wahlzeiten – wie wir sie mit Bundespräsidentenwahl und aktuell haben – wird die Caritas manchmal auch ins politische Hickhack hineingezogen. Letzthin etwa mit der falschen Behauptung, in der Caritas gebe es ein Prüfungsvakuum. Tatsächlich werden die Aktivitäten der Caritas in der Planung, Umsetzung und Abrechnung jährlich von mehreren externen Stellen kontrolliert und intensiv geprüft.