Sinn: Dem Wesentlichen im Leben auf die Spur kommen

12.12.17 / 08:06

Die Caritasgespräche, die gestern und heute in St. Arbogast stattfinden, greifen ein brisantes Thema auf: In Zeiten, da in unserem Land – dem viertreichsten Land weltweit – immer mehr Politik mit Ängsten gemacht wird, gilt es, sich als Individuum der tatsächlichen Gegebenheiten wieder bewusster zu werden und letztlich nach dem Sinn in unserem Leben zu fragen.
Grundtenor der ReferentInnen aus verschiedenen Wissenschafts-Disziplinen ist es, aufzuzeigen, dass letztlich „Sinn“ nur in der Begegnung des Menschen mit seinem Gegenüber begründet liegt. Wohin dies angesichts der weltweiten Entwicklungen von Entsolidarisierung führt und wie sich dies auf unsere Zukunft auswirkt, steht im Mittelpunkt des Dialoges während der zweitägigen Caritasgespräche. Über 250 Gäste konnten dabei begrüßt werden.

„Die heurigen Caritasgespräche greifen in unserer Zeit der Verunsicherung und Veränderung die Frage auf, was dem Leben Ausrichtung und Orientierung zu geben vermag. Es sind nicht mehr selbstverständlich die großen religiösen und politischen Traditionen oder übermittelten Lebens- und Gesellschaftsentwürfe, die unsere Antworten formen. Die Aufgabe, Orientierung zu finden, haben wir heute in einem pluralen und bunten Umfeld zu leisten. Letztlich führt die Frage zurück zu den Grunderfahrungen in denen unser Leben wurzelt: Beziehung, Empathie, Verbundenheit, „Ansehen“, das wir schenken und empfangen“, fasst Caritasdirektor Walter Schmolly zusammen.

Dr. Marianne Gronemeyer, Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften, befasste sich in ihrem Kurzreferat über den Zusammenhang von „Sinn und Moderne“. Wohlstand, technische Entwicklung und wirtschaftlicher Aufschwung vermitteln uns das Gefühl einer scheinbar sicheren, kontrollierbaren und vor allem rund-um-versorgenden Gesellschaft, die auf Knopfdruck funktioniert. Und spüren gleichzeitig, wie zerbrechlich und fragil diese Systeme sind, und wie hilflos wir uns wiederfinden, wenn deren Funktionsfähigkeit versagt. Wir können aber eines tun: uns ihnen entziehen! In der Desertation liegt vermutlich eine neue Kraft, die wir unterschätzen und die wir genauer in den Blick nehmen sollten“, ist sie überzeugt, dass weniger mehr ist.

DDr. Paul M. Zulehner, Universitätsprofessor für Pastoraltheologie und Religionssoziologie in Wien, verband die Sinnfrage mit dem Thema Angst: „In Europa leben wir momentan in einer Kultur der Angst, die von der Politik geschickt geschürt wird.“ Darin liege eine Kernherausforderung: „Entweder machen wir eine Politik der Angst oder des Vertrauens“, sprach er dabei auch die Thematik der geflüchteten Menschen an. „Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit. Das macht auch deutlich, warum wir in einer so friedlosen Welt leben.“

Der aus Vorarlberg stammende, in Köln als Professor für Volkswirtschaftslehre und Theologie tätige Dr. Matthias Sutter, griff das Thema Angst in Bezug auf Glück auf: „Was macht einen Menschen glücklich? Dafür gibt es zwei Faktoren: Einerseits schafft eine sinnvolle Tätigkeit Zufriedenheit, andererseits ist es die Autonomie des Menschen, gut funktionierende Beziehungen und Freiräume.“ Wer diese Faktoren berücksichtige, sei erfolgreicher – auch wirtschaftlich. „Weil zufriedene Menschen weniger Angst haben und motivierter sind.“

Schließlich spann der Freiburger Neurowissenschaftler und Psychotherapeut Dr. Joachim Bauer, die Sinnfrage aus neurologischer Sicht weiter: „Das menschliche Gehirn ist so konstruiert, dass es auf gelingende soziale Beziehungen ausgerichtet ist. Daraus entsteht Sinn.“ Er hatte auch einen Tipp parat, für Menschen, die Sinnkrisen durchleben: „Da lohnt sich oftmals ein Perspektivenwechsel, damit sich ein neuer Sinn eröffnen kann.“