Von Maikäfern im Kloster

09.01.18 / 12:10

Junge Frau in weißer Bluse lächelt fröhlich einem älteren Herren zu und hält ein Buch in der Hand, als Vorleserin.

Was vor mehr als einem Jahr mit einem Pflichtpraktikum ihrer Ausbildung zur psychologischen Beraterin begonnen hat, ist nun, nachdem die Ausbildung abgeschlossen ist, zu einem fixen Bestandteil in ihrem Leben geworden. „Auf der Suche nach einer geeigneten Praktikumsstelle bin ich auf die Caritas gestoßen. Ich habe in verschiedenste Bereich geschnuppert, habe aber schnell festgestellt, dass mir das Vorlesen für alte Menschen ein besonderes Anliegen ist“, so die 36-jähirge Schwarzenbergerin, die seit einiger Zeit in Meiningen lebt. Schnell fanden sich drei BewohnerInnen im Haus Giesingen, die die Termine mit der Vorlesepatin schätzten und sich über ihre regelmäßig Besuche freuten: „Anfangs las ich ihnen aus Zeitungen vor, doch im Laufe der Zeit kamen wir immer mehr ins Gespräch. Heute rede ich mit den zwei betagten Frauen über Gott und die Welt und freue mich über ihre Geschichten aus ihrer Kindheit“, so die engagierte Vorlesepatin. Wie zum Beispiel die Geschichte eines Patienten, der in seiner Kindheit mit einem Freund schachtelweise Maikäfer gesammelt und diese dann heimlich im Frauenkloster ausgesetzt hat. Natürlich hat man die Täter bis heute nicht gefunden „und das schelmische Lächeln und Blitzen in seinen Augen, als er die Geschichte erzählt hat, war unbezahlbar“, schmunzelt die junge Vorlesepatin.

Weltreise im Kopf
Für die BewohnerInnen des Seniorenheimes ist der Besuch von Elisabeth Kühne eine willkommene Abwechslung. Denn vor allem für PatientInnen, die aus gesundheitlichen Gründen die meiste Zeit im Bett verbringen, sind die Tage lang und monoton. „Ich besuche auch regelmäßig eine pflegebedürftige Frau in ihrem Zimmer und lese ihr Geschichten aus der ganzen Welt vor. Gemeinsam schauen wir uns auch Bilder aus allen Teilen der Welt an und begeben uns so auf eine gedankliche Weltreise“, so die gebürtige Bregenzerwälderin. „Mir machen diese Stunden im Seniorenheim großen Spaß. Es bedeutet mir viel, diese Menschen glücklich zu machen. Ich hatte früher kaum Berührungspunkte mit älteren Menschen, das hat sich nun sehr positiv für mich verändert.“ Ganz im Gegenteil, können doch die HeimbewohnerInnen herzlich mit ihr lachen. So zum Beispiel, als anfangs noch ein Herr die beiden Damen zum Vorlesen begleitete und dieser eines Abends gefehlt hat. Da sagte eine Frau zur anderen: „Geh ihn schnell holen und sag, dass die junge Dame zum Vorlesen da ist, dann kommt es sicher gleich. Auch wenn er schon 90 ist, dieses Argument funktioniert immer.“ Und tatsächlich stand er nur zwei Minuten später am Tisch und sorgte für große Heiterkeit unter den Damen. Diese Momente berühren und begeistern Elisabeth Kühne und motivieren die Vorlesepatin, diese Aufgabe noch lange weiterzumachen: „Jemandem Zeit zu schenken ist ein schönes Gefühl. Mir geht es gut und die Stunden hier ist meine Art, den Menschen etwas zurückzugeben“, so Elisabeth Kühne.

VorlesepatInnen gesucht

Wer Freude an Kommunikation hat und gerne mit Kindern und Erwachsenen in Kontakt ist, erfüllt schon die Grundvoraussetzungen als VorlesepateIn. In drei halbtägigen Workshops werden Interessierte auf die Aufgabe vorbereitet.
Nähere Informationen bei Eva Corn, 05522 200-4011, 0676 884 204 011