Sozialpatenprojekt: Wirksames Netzwerk gegen soziale Ausgrenzung

06.03.18 / 13:22

Sozialpaten sitzen an einem Tisch und hören dem Caritas Direktor zu.

„Herzen öffnen > Türen schließen“. Unter diesem Motto steht die soeben gestartete Spendensammlung der Caritas für Menschen in verschiedenen Notlagen in Vorarlberg. 800 Freiwillige gehen dafür im März in den Pfarren von Tür zu Tür, um auf diese Weise die Basis zu legen, Menschen in Vorarlberg, die Hilfe brauchen, zu unterstützen. Bei rund 400 Notfällen im Jahr sind die 300 Freiwilligen des Caritasprojektes Sozial- und Integrationspaten wirkungsvoll im Einsatz.

Immer wieder verlieren auch bei uns im Land Menschen in einer Notsituation sprichwörtlich den Boden unter den Füßen. Ob beispielsweise Einsamkeit, Krankheit, die Überforderung durch finanzielle Sorgen, der Tod des Partners, die Herausforderung als allein erziehender Elternteil oder das Ankommen in einem noch fremden Land: Sozial- und IntegrationspatInnen der Caritas bauen „Brücken“. Sie sind Menschen, die in ihrer Pfarre, Gemeinde oder Region aufmerksam sind für die Nöte der Menschen vor Ort. Sie hören zu, sind da und vermitteln im Bedarfsfall zu Fachinstitutionen oder in ein nachbarschaftliches Netzwerk. Gewachsen aus den pfarrlichen Angeboten sind nach zehnjähriger Aufbau- und Netzwerkarbeit 300 Freiwillige im ganzen Land aktiv. Im vergangenen Jahr brachten sie in rund 22.100 Einsatzstunden konkrete Verbesserungen in das Leben der Betroffenen. 400 Anfragen erreichen Projektkoordinatorin Marlies Enenkel-Huber und ihr Team jährlich, in neun von zehn Anfragen kann ein/eine passende/r SozialpatIn vermittelt werden.

Das sind die Themenschwerpunkte:

Einsamkeit und Isolation (ca. 30%)
Einsame und isoliert lebende Menschen haben meist ein zu geringes Selbstwertgefühl, um selbst aus dieser Situation wieder herauszukommen. Der Weg dorthin mag schleichend und ein jahrelanger Prozess des Rückzugs aus der Gesellschaft sein – begleitet von Ursachen wie Krankheit, finanziellen Nöten, familiären Krisen,…

  • Aufgabe der SozialpatInnen ist es, hier Vertrauen und Selbstbewusstsein der betroffenen Menschen zu stärken, damit diese wieder Kontakt zur Außenwelt und  anderen Menschen aufnehmen können. Bei Rückschlägen geben sie ihnen wichtigen Rückhalt, nicht vorzeitig wieder aufzugeben. Betroffenen sind die Sozialpaten auch dabei nützlich, wieder Struktur und Übersicht zu bekommen beispielsweise im Erstellen eines Haushaltsplanes bei finanziellen Nöten oder im Ordnen von Dokumenten für Anträge bei Behörden. Diese Vorbereiten steigern den erfolgreichen Behördenbesuch und damit wieder das Selbstvertrauen der begleiteten Menschen.

Ältere Menschen (ca. 20%)
SpaziergängerInnen begleiten an Demenz erkrankte oder gehbehinderte ältere Menschen und entlasten somit pflegende Angehörige und Pflegepersonal. Sie geben dabei doppelte Sicherheit: einerseits helfen sie durch gezieltes Verhalten im öffentlichen Raum Stresssituationen bei den Betroffenen zu vermeiden und geben den Angehörigen durch ihre Kompetenzen die Sicherheit, ihre Familienangehörigen gut begleitet zu wissen.

  • Das schafft emotionale Entlastung, die sich positiv auf die Lebensqualität auswirkt.

Integration von bleibeberechtigten geflüchteten Menschen (ca. 50%)
Das Erlernen der deutschen Sprache, Kontakte mit Menschen in der Umgebung zu knüpfen, Behördengänge, Wohnungs- und Arbeitssuche – bei all diesen Herausforderungen begleiten Integrationspaten geflüchtete Menschen bei Bedarf.
Sprache zu erlernen gelingt vor allem über Beziehungen. Damit wird Sprache lebendig und der Raum eröffnet, vertrauensvoll zu lernen.

  • SozialpatInnen ergänzen damit das Lernprogramm beim Erwerb der deutschen Sprache ideal und stellen sich individuell auf die Vorkenntnisse und Ausbildungsniveau der Menschen ein. Die gemeinsamen Lernerfolge geben zusätzlich Energie, um die vielen anstehenden weiteren Herausforderungen besser zu meistern. Bei der Suche von Wohnraum und Arbeitsplätzen schlüpfen die SozialpatInnen sehr oft in die klassische Paten-Rolle: über eigene Kontakte und das soziale Umfeld können sie Türen öffnen und Chancen auftun, die sonst nicht vorhanden wären.

Das zeichnet das Projekt aus:

Fachlichkeit
Eine hohe Qualität der Begleitung durch Freiwillige sieht die Caritas als „Kern“ des Angebotes. Eine fachlich fundierte und für die Sozialpaten kostenlos angebotene Einschulung stellt die Ausgangsbasis für eine gute Begleitung der Betroffenen dar. Damit sie jeweils auf aktuelle Nöte der Menschen eingehen können, werden ihnen regelmäßig Weiterbildungen angeboten. Zur Lösung von speziellen Problemlagen können Reflexionsgespräche und Supervisionsangebote  genutzt werden. Auch bei auftretenden Fragen können die Freiwilligen auf die hauptamtlichen MitarbeiterInnen zurückgreifen.  Diese helfen auch vor Beginn des Einsatzes durch eine gezielte Abklärung der Aufgaben und Anforderungen, um einen guten Start zu ermöglichen.

Netzwerk und Vielfalt
Das Projekt der SozialpatInnen zeichnet aus, sich auf ein großes Netz an Kooperationspartnern in Gemeinden, Pfarren und sozialen Einrichtungen stützen zu können. Auch die SozialpatInnen bringen ebenfalls aktiv viel an persönlichem Sozialkapital mit ein. Sie kommen aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus, Alters- und Berufsgruppen. Insgesamt engagieren sich Menschen aus über 20 verschiedenen Nationen als SozialpatInnen.

Flexibilität
Freiwillige Sozialpaten sind sehr flexibel und lassen sich auf die sich ändernden Nöte der Menschen ein. Nachdem in den vergangenen Jahren die Integration geflüchteter Menschen im Fokus stand, widmen sie sich momentan verstärkt dem  Thema „Einsamkeit“ von Menschen, die unter dieser Situation leiden. 

Zitate:

Österreich und Vorarlberg haben sowohl einen gut entwickelten Sozialstaat als auch eine funktionierende Solidargesellschaft. Allerdings sind diese beiden Säulen des Sozialgefüges durch die Entwicklungen der letzten Jahre und Monate unruhig geworden. Wir können es uns aber weder leisten, den Sozialstaat abzubauen noch können wir es uns leisten, die Solidargesellschaft aushöhlen zu lassen. Für das solidarische Miteinander in den Gemeinden und Pfarren sind die SozialpatInnen ein starker Faktor mit einem großen Potenzial für die Zukunft. Und auch eine Bewegung wie die Caritas-Haussammlung leistet einen wichtigen Beitrag, denn sie schafft Kontakte und die finanzielle Grundlage für Hilfe an Familien in unterschiedlichen Notsituationen.“
Walter Schmolly, Caritasdirektor

2018 steht die Haussammlung unter dem Motto `Herzen öffnen > Türen schließen´. Dies könnte auch das Leitbild der Sozialpaten sein. Denn auch die Sozialpaten sind
Menschen, die in ihrer Pfarre, Gemeinde oder Region aufmerksam sind für die Nöte der Menschen vor Ort, die zuhören, da sind und im Bedarfsfall zu Fachinstitutionen oder in ein nachbarschaftliches Netzwerk vermitteln. Somit wird professionelle oder auch bestehende nachbarschaftliche Hilfe durch die SozialpatInnen nicht ersetzt sondern ergänzt und erweitert.

Ingrid Böhler, Bereichsleiterin Pfarrcaritas

Wir erhalten rund 15 bis 20 Anfragen pro Monat. In neun von zehn Anfragen können wir auch passende Begleitungen anbieten. Zwei Drittel der durchgeführten Einsätze werden mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen und die im Vorfeld in einem Clearinggespräch vereinbarten Ziele werden erreicht. Ein Drittel unserer Einsätze sind Langzeitbegleitungen, beispielsweise Besuchsdienste bei älteren, alleinstehenden Menschen oder Menschen mit Demenz.
Marlies Enenkel-Huber, Projektkoordinatorin

Kontakt Sozial- und IntegrationspatInnen:

Marlies Enenkel-Huber, 0676/882404012, marlies.enenkel-huber(at)caritas.at

SozialpatInnen erzählen

Karin Stängle-Müller aus Dornbirn ist eine Sozialpatin der ersten Stunde: Vor zehn Jahren hat sie an der ersten Einschulung teilgenommen. Als Sozial- und Integrationspatin sowie Spaziergängerin hat sie schon viele, ganz unterschiedliche Menschen begleitet – so beispielsweise eine an Demenz erkrankte Frau im Pflegeheim,  eine tschetschenische Familie, eine syrische Flüchtlingsfamilie, ein Mädchen aus Afghanistan. Dies hat auch eine Vielfalt an Aufgaben mit sich gebracht: von Lernhilfe, über Begleitungen zu Behörden, Spaziergänge und vieles mehr. „Dadurch war ich auch mit vielen sozialen Einrichtungen und Behörden in Kontakt: Von Schulen über Behörden bis hin zur Justizanstalt.“ Die große Bandbreite an Aufgaben bereichert sie, ist Karin Stängle-Müller überzeugt. Besonders wichtig ist ihr, dass sie Hilfe zur Selbsthilfe leistet – Menschen nicht in eine Abhängigkeit bringen, sondern sie gezielt bei den Aufgaben begleiten, die sie alleine nicht bewältigen können und nur so lange bis die Betroffenen wieder selbständig ihren Lebensalltag bewältigen können.

Erna Mourkiozis aus Hohenems ist Spaziergängerin für Menschen mit einer Demenzerkrankung. Sie begleitet seit längerer Zeit Frau K. Über ihre zahlreichen Spaziergänge bekommt Erna jede Stufe der Demenz der älteren Dame mit. Es ist jedoch keine Belastung, im Gegenteil. Es ist ein, wie sie sagt: „Ein schönes Gefühl, einen Menschen auf dessen Weg zu begleiten, mit ihm jede Stufe mitzugehen und ihn anzunehmen wie er ist.“ Immer wieder kommt es zu Begegnungen mit Bekannten von Frau K., die sich aber nur noch mit einem hilferufenden Blick zu Erna zu helfen weiß. Als die Demenz immer schlimmer wird, werden die Spaziergänge, ja sogar das Sprechen selbst, unmöglich. Da schlussendlich die Pflege von Frau K. zu Hause nicht mehr möglich ist, übersiedelt sie ins Pflegeheim. Frau K. spricht nicht mehr. Die beiden Frauen verstehen sich dennoch. Es gibt zwar keine Worte aber viele Gefühle, die ausgetauscht werden. Erna meint: „Diese Frau fühlt und spürt, dass jemand bei ihr ist. Jemand, der sich um sie kümmert.

Pierre Hendrickx aus Höchst ist Integrationspate. „Helfen wo Hilfe gebraucht wird!“, so versteht Pierre seine Freiwilligentätigkeit. Er begleitet bleibeberechtigte geflüchtete Menschen bei Behördengängen, Fragen des Alltags, Reparaturen in der Wohnung, bei der der Wohnungssuche und beim Umzug in eine andere Wohnung. Zudem unterstützt er die Kinder und Eltern beim Deutschlernen. Als ehemaliger Mittelschullehrer hilft er gerne Kindern und Jugendlichen in der Schule bei der Ausbildungs- und Berufswahl. Als ganz unerwartet der Mietvertrag der Familie gekündigt wurde, benötigte sie dringend eine andere Wohnung; eine schwierige Angelegenheit. Aber die Familie hatte Glück, weil Pierre durch Zufall auf ein älteres Ehepaar traf, das in Bregenz eine Wohnung besitzt und an eine geflüchtete Familie zu vermieten bereit war. Vor allem zu Beginn des Mietverhältnisses war es Pierre wichtig, die Familie in Wohnungsangelegenheiten zu begleiten  und als Bindeglied zwischen dem Ehepaar und der Familie zur Verfügung zu stehen. Die Vermieterin kam der Familie mit dem Mietpreis sehr entgegen. Als die Familie aufgrund einer Gesetzesänderung weniger Geld zur Abdeckung der Wohnungskosten erhielt, senkte das Ehepaar sogar spontan den Mietpreis, damit sie die Wohnung nicht verlieren.

Michaela Metzler aus Altach ist seit fünf Jahren Sozial- und Integrationspatin. „Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben, weil es mir selbst so gut geht“, erzählt sie und merkt gleichzeitig an: „Meine Freiwilligentätigkeit bereichert auch mich selbst in meiner Persönlichkeit und meiner Entwicklung.“ Als Sozialpatin begleitet sie beispielsweise Frau M., eine Frühpensionistin, die an Multipler Sklerose erkrankt ist. Ob gemeinsame Spaziergänge an der frischen Luft, das „Werkeln“ im Garten, wenn Frau M. Hilfe braucht oder einfach nur Kaffee-Trinken und ein gemütlicher Plausch im Wohnzimmer – die gemeinsamen Aktivitäten richten sich danach, wie es Frau M. gesundheitlich geht. Die Beziehung, die Michaela Metzler zwischenzeitlich als Freundschaft beschreibt, war von Anfang an von großem gegenseitigem Vertrauen geprägt. Auch nachdem Frau M. einen Partner gefunden hat, bleiben die beiden Frauen in Kontakt. „Wir treffen uns nach wie vor, schreiben WhatsApp oder telefonieren regelmäßig.“ Vor allzu großem Zeitaufwand müssen sich freiwillige Sozial- und IntegrationspatInnen übrigens nicht fürchten: „Jeder Freiwillige bringt so viel Zeit ein, wie er möchte“, so Michaela Metzler.