Sozialpatengeschichte Dezember

06.12.19 / 13:15

Dich hat der Himmel geschickt
Hilde, eine ungepflegte, ja verwahrloste, vom Leben nicht verwöhnte Frau, fiel mir bereits immer wieder im Landbus auf. Obwohl sie von allen Fahrgästen gemieden wurde, gelang es ihr, sich aufzudrängen und andere Fahrgäste mit ihren Problemen zu belästigen. Ihr Freund hatte sie plötzlich verlassen. Dies konnte sie ihm nicht verzeihen. Alle mussten dies erfahren und alle hatten Verständnis für diesen Mann.

 

Einsatz als Sozialpatin
Es ergab sich dann, dass ich Hilde im Rahmen meiner Tätigkeit als Sozialpatin kennenlernte und sie fragte, ob ich sie besuchen dürfe. Sie willigte ein, jedoch fiel es ihr zu Beginn noch schwer, Unterstützung anzunehmen. Doch mit Hilfe der Krankenschwester und gezielten Aktionen konnte ich es dann erreichen, dass Hilde sich auf das eine oder andere einließ und schließlich mit ganzer und sauberer Kleidung ihre täglichen Bus- und Bahnfahrten unternahm.

Immer mehr ließ sie mich an ihrem Leben teilhaben. Sie war schon viele Jahre von ihrem gewalttätigen Mann geschieden. Die Kinder schämten sich für sie und nahmen nur ganz selten Kontakt mit ihr auf. Eine Tochter, die im Ausland wohnte, besachwalterte sie.

 

Leben im Pflegeheim
Ich hatte Hilde zwei Jahre betreut, als sie wegen ihres geistigen Zustands ins Pflegeheim eingewiesen wurde. Der geregelte Alltag dort entsprach nicht ihren Vorstellungen. Manchmal war ich die einzige Person, der sie vertraute. Immer öfter lehnte sie jede Bevormundung und Unterstützung des Pflegepersonals ab. Auch mein Zureden war dann erfolglos.

 

Eine besondere Weihnachtsfeier
So war es auch am Abend der offiziellen Weihnachtsfeier. Ihre Tochter hatte mich gebeten, ihre Mama zur Feier zu begleiten. Als ich im Heim ankam, wurde ich schon gewarnt, dass Hilde zu nichts zu bewegen sei.
Umso mehr wunderte ich mich, dass ich sie beim Umkleiden beraten durfte und dass sie bereitwillig mit mir zum Festsaal im Erdgeschoss ging.

Sie war wie ausgewechselt. Strahlend saß sie neben mir und folgte aufmerksam dem Programm. Wie begeistert sie sang! Alle Strophen der Weihnachtslieder sang sie mit, obwohl sie schon lange nichts mehr mit der Kirche zu tun haben wollte und die vorigen Jahre kein Weihnachtsfest gefeiert hatte.
„Du bist mein Engel. Dich hat der Himmel geschickt“, flüsterte sie mir immer wieder strahlend zu.

Ich hatte sie noch nie annähernd so glücklich erlebt. Ich durfte sie bedienen und mit festlichem Essen verwöhnen. Es war eine außergewöhnliche, friedvolle Stimmung, die auch mich ergriff und glücklich machte.
Am Weihnachtstag riefen wir ihre Tochter an. „Ich habe eine neue Freundin gefunden“, meldete sie ihr.

Dies war ihr letztes Weihnachtsfest, vielleicht seit vielen Jahren das schönste.
So innige, selige Weihnachten konnte auch ich seither nicht mehr erleben.