Haussamlung 2020: Damit alle Kinder in Vorarlberg faire Chancen haben!

28.02.20 / 08:05

Die Caritas-Haussammlung mobilisiert gegen Kinderarmut in Vorarlberg

Im März sind in Vorarlberg wiederum 800 Caritas-Haussammler*innen unterwegs. Seit fast 70 Jahren baut die Spendenaktion in unserem Land jährlich eine Brücke zwischen Menschen, die helfen wollen, und Menschen, die dringend Hilfe benötigen.

 

Heuer mobilisiert die Caritas-Haussammlung gegen Kinderarmut in Vorarlberg. Denn Kinder, denen in frühen Jahren wichtige Chancen verwehrt bleiben, haben es als Erwachsene wesentlich schwerer, ihr Leben aus eigener Kraft gut zu meistern. Laut den Daten der Statistik Austria (EU-SILC 2018) gelten österreichweit 19 Prozent der 0-14-Jährigen als armutsgefährdet. Vorarlberg liegt mit gut 20 Prozent sogar noch über dem Österreich-Schnitt. Das heißt, dass in Vorarlberg über 8.000 Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre in armutsgefährdeten Haushalten leben. Armutsgefährdet bedeutet in dieser Statistik, dass für ein Kind insgesamt (also für Wohnen, Kleidung,  Ernährung, Gesundheit, Hygiene, Schule, Freizeit, Teilhabe etc.) keine 378 Euro monatlich verfügbar sind. Mehr als 1.500 Kinder leben in Vorarlberger Haushalten, die als „verfestigt arm“ gelten. Sie können sich wesentliche Güter, beziehungsweise Lebensbereiche nicht leisten - beispielsweise eine Waschmaschine, das angemessene Heizen der Wohnung oder unterwartete Kosten im Haushalt.

 

Die große Zahl der armutsbetroffenen oder zumindest -gefährdeten Kinder wird in unseren Beratungsstellen „Existenz und Wohnen“ sichtbar. In den Familien, die in wirklicher Existenznot 2019 in Vorarlberg an einer solchen Stelle vorgesprochen haben, waren mehr als 2.100 Kinder mit betroffen. „Dass Armut von Kindern und deren Ausmaß dem ersten Blick oftmals verborgen bleibt, hat auch mit unseren Bildern und Vorstellungen von Armut zu tun. Das fehlende Geld ist selbstverständlich ein wichtiger Indikator für Armut, aber bei Weitem nicht der einzige“, erläutert Caritasdirektor Walter Schmolly im Rahmen eines Pressegesprächs.

Kinderarmut bedeutet Chancenarmut

Eine Studie der OECD1 – der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  -  beschreibt sehr anschaulich: Die Chance für ein Kind, das in einer Familie aufwächst, die zum untersten Einkommensviertel zählt, als Erwachsener zum obersten Einkommensviertel zu zählen, liegt in Österreich bei gerade einmal 15 Prozent, für Kinder aus dem obersten Einkommensviertel sind es 42 Prozent. Bis die Nachkommen aus einer von Armut betroffenen Familie ein Durchschnittseinkommen erreichen, dauert in Österreich durchschnittlich fünf Generationen. „Kinderarmut wird dadurch zu einer Hypothek für das ganze Leben, weil sie  mit Scham und Angst verbunden ist. Diese führen Kinder in eine Haltung des Rückzugs. Scham und Angst nagen am Vertrauen in das Leben. Mit diesen Voraussetzungen fällt es ein Leben lang schwerer, Talente zu entdecken und Chancen zu nützen“, so Walter Schmolly. Und schließlich resultiere Chancenarmut oftmals auch aus fehlenden Beziehungsnetzen. „Und auch das beginnt mit Kinderarmut, etwa wenn für Freizeitaktivitäten, die mit Kosten verbunden sind das Geld fehlt, oder wenn es nicht möglich ist, die Freunde auch einmal nach Hause zu einem Kindergeburtstag einzuladen.“

Und was sind die Antworten?

Als Caritas wollen wir gezielt verhindern, dass Kinder vom sozialen Miteinander ausgeschlossen werden: In der Beratungsstelle „Existenz&Wohnen“, in den Lerncafés oder im Haus Mutter&Kind – um nur einige Beispiele zu nennen. Sozialpädagogin Angelika Ott weiß aus ihrer täglichen Praxis in der Beratungsstelle Existenz&Wohnen von der Verzweiflung und der Scham der Eltern, wenn sie um Hilfe anfragen: „Kinder sind ja auf den ersten Blick nur indirekt betroffen. Wir beraten Eltern zur Gesamtsituation, klären mit ihnen sozialrechtliche Ansprüche, suchen gemeinsam Einsparmöglichkeiten und unterstützen auch finanziell. Wichtig, ist, dass Eltern Rückhalt spüren, denn dass sie sich nicht aufgeben, ist für Kinder besonders wichtig.“

Einen wesentlichen Beitrag, um Kinder in ihren schulischen Leistungen, aber auch in ihrem Selbstwert zu stärken, leisten auch die rund 90 Freiwilligen in den neun Lerncafés der Caritas in ganz Vorarlberg. 312 Kinder haben so konkrete Chancen auf positive Lernerfahrungen. Wissen verstehen lernen, sich aktiv am Unterricht beteiligen, soziale Kompetenzen fördern und jüngere Kinder unterstützen – das sind dabei die Ziele. „Das Erlangen des Pflichtschulabschlusses ist dabei ganz wichtig“, berichtet Lerncafé-Koordinatorin Bea Bröll. Die Erfolge bestätigen den Weg der Lerncafés: 97 Prozent der Kinder schafften im vergangenen Schuljahr den Aufstieg in die nächste Schulstufe, beziehungsweise in eine weitere Ausbildung.

Das Ziel: Kinderarmut rasch halbieren

„Armutsgefährdung von Kindern in Vorarlberg ist eine Realität, mit der wir uns unmöglich abfinden dürfen und an deren Reduktion wir dringend und entschlossen arbeiten müssen. Kinderarmut ist Chancenarmut. Dagegen wollen wir mit der Haussammlung im März mobilisieren. In einer gemeinsamen Anstrengung von allen muss es doch machbar sein, die Kinderarmut in vier Jahren zumindest zu halbieren, also für 4.000 Kinder den Weg aus der Armutsbetroffenheit beziehungsweise -ge-fährdung zu ermöglichen“, so Caritasdirektor Walter Schmolly.

„Eine solche Mobilisierung braucht immer einen ersten Schritt. Und den setzen die 800 Haussammler*innen.  Sie tragen das Thema in die Öffentlichkeit und an die Haustüren. Sie bauen die Brücke zwischen den Menschen, die helfen wollen, und den Kindern, die dringend auf Hilfe angewiesen sind. Sie sammeln Spenden, durch die die Finanzierung von Initiativen und Aktivitäten gesichert werden kann, für die es Spendenmittel braucht.“

Konkret geht es dabei um

  • das Haus Mutter&Kind, wo Mütter mit ihren Kleinkindern ein vorübergehendes Zuhause und jene Unterstützung und Stärkung finden, um wieder eigenständig leben können,
  • die Lerncafés, in denen Kinder aus finanziell benachteiligten Familien jene Lernbegleitung bekommen, die ihren Schulerfolg und damit Lebenschancen sichert – sie sind die Fachkräfte von morgen,
  • die Unterstützung von Familien in existenziellen finanziellen und sozialen Nöten durch unsere Beratungsstellen, damit Kinder ohne nagende und chancenraubende Existenzängste und Scham aufwachsen können,
  • die Begleitung von Freiwilligendiensten und Angeboten in den Gemeinden und Pfarren, wie etwa die Sozialpat*innen.


Der Appell zum Schluss

„Die Haussammlung mobilisiert in den kommenden Wochen gegen Kinderarmut. Denn Kinderarmut ist Chancenarmut und die soll es in unserem wohlständigen und im Gesamten so chancenreichen Land nicht geben. Die Haussammler*innen setzen den ersten Schritt, den zweiten kann jede und jeder von uns machen durch Mithilfe als Freiwilligen oder mit einem Spendenbeitrag. Kein Kind soll in Armut aufwachsen müssen und dadurch seiner Chancen fürs Leben beraubt werden. Gemeinsam und Miteinander können wir da etwas bewirken“, so der Caritasdirektor abschließend. „Ein ganz besonderes `Danke´ gilt den Haussammlerinnen und Haussammlern, die sich auf den Weg machen, und den Verantwortlichen in den Pfarrgemeinden.“