Corona verschärft die Not in Vorarlberg

04.11.20 / 11:31

Im Rahmen eines digitalen Pressegesprächs zog die Caritas Vorarlberg einerseits eine „Corona-Zwischenbilanz“ und gab gleichzeitig einen Ausblick auf die Herausforderungen, mit denen in den nächsten Monaten zu rechnen ist. In Bezug auf das Wirken von Corona auf das Leben von Menschen und die Gesellschaft nannte Caritasdirektor Walter Schmolly dabei drei Aspekte:

 

1.    Kinder und Jugendliche werden Chancen beraubt

„Die Jüngsten sind von den direkten gesundheitlichen Folgen nahezu nicht betroffen, werden aber am längsten an den Folgen der Krise leiden“, so der Vorarlberger Professor für Volkswirtschaft, David Stadelmann. Mehrere Studien belegen, wie Corona die Chancenungleichheit für Kinder an den Schulen vergrößert. Das deckt sich mit der Erfahrung in den Caritas-Lerncafés. Auch die wachsenden Wartelisten in den Jugendbeschäftigungsprojekten startbahn zeigen, dass Corona besonders jene Jugendlichen hart trifft, die Schwierigkeiten haben, nach der Schule in die Erwerbsarbeit einzusteigen.

 

2.    Menschen, die nie damit gerechnet haben, brauchen jetzt Hilfe

Die Zahl der Menschen, die zum ersten Mal bei der Caritas vorsprechen, ist in den Monaten unmittelbar nach dem ersten Lockdown Mai/Juni 2020 gegenüber dem Vorjahr sprunghaft um 20 Prozent gestiegen. Eine zweite bemerkenswerte Zahl: Die Zahl der anonymen Anfragen, also von Menschen, die Unterstützung und Beratung in finanziellen und Wohnungsbelangen brauchen, dabei aber nicht gesehen werden wollen, hat sich im Juni 2020 gegenüber dem Vorjahr mehr als vervierfacht. Beide Zahlen zeigen, dass die Krise auch Personen und Familien trifft, die davor nicht auf Hilfe angewiesen waren.

 

3.    Viele Menschen, die vor Corona schon wenig hatten, haben es jetzt noch schwerer

Corona trifft Menschen mit weniger Ressourcen härter als andere. So verschlechtern sich die Chancen für langzeitarbeitslose und von am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen, auf dem ersten Arbeitsmarkt nachhaltig Fuß zu fassen, deutlich. Laut AMS-Statistik liegt im September 2020 die Zahl der Langzeitbeschäftigungslosen um zwei Drittel über dem Vergleichsmonat im Vorjahr.

 

Für Familien, die vor Corona bereits mit einem geringen Haushaltseinkommen auskommen mussten, bringt eine weitere Kürzung aufgrund von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit das sprichwörtliche „Fass“ oftmals zum Überlaufen und sie sind auf Hilfe von außen angewiesen. In der Caritas ist das zuallererst in den Beratungsstellen „Existenz&Wohnen“ spürbar. Menschen und Familien mit weniger Beziehungen und weniger Ressourcen für den Umgang mit Unsicherheit, Kontrollverlust und Krisen, geraten durch Corona zudem vermehrt in Überlastungssituationen und psychische Notlagen. Die Caritas spürt das beispielsweise in der Suchtberatung oder in der Familienhilfe, aber auch in vielen Freiwilligen-Projekten, die durch unterschiedliche Beziehungsangebote der Einsamkeit entgegenarbeiten.

 

Zwischen Normalität und Sicherheit

 

Stellenleiterin Helga Sartori und ihr Team der Werkstätte Bludenz sind momentan sehr gefordert, soviel Normalität wie möglich zu leben und andererseits den Blick auf die Sicherheit des Teams und der Menschen mit Beeinträchtigung zu bewahren. Ein Beispiel: „Viele unserer Klientinnen und Klienten kommunizieren mit Handzeichen, Gebärden und durch Lippenlesen. Durch das Tragen der Masken ist diese Kommunikation massiv eingeschränkt oder unmöglich gemacht“, sieht sie für die Klient*innen viele Auswirkungen auf deren persönliche und soziale Entwicklung. „Auch die Selbstständigkeit unserer Klientinnen und Klienten ist derzeit – auch zu ihrem Schutz - enorm eingeschränkt, sie leiden aber darunter.“ Auffallend seien auch zunehmende und neue Ängste – bei den Klient*innen ebenso wie bei ihren Eltern, beziehungsweise Erwachsenenvertreter*innen.

 

Druck auf Familien steigt

Auch Doris Jenni, Stellenleiterin der Familienhilfe der Caritas, bemerkt, dass der erste Lockdown im Frühjahr bei vielen Familien Spuren hinterlassen hat. „Viele Eltern sind dort bis an die Grenzen ihrer Kräfte gegangen und teils auch darüber. Sie haben große Angst davor, dass Kindergärten und Schulen wieder schließen. Das würde eine Doppel-, beziehungsweise Dreifachbelastung für sie bedeuten, der sie sich nicht gewachsen fühlen.“ Besonders herausfordernd ist die Situation für Eltern, deren Kinder – etwa durch eine Beeinträchtigung – einen hohen Betreuungsaufwand haben. „Diese Kinder können auch nicht ohne weiteres etwa einer Oma oder einem Opa anvertraut werden, da sie sich die Pflege oftmals nicht zutrauen.“ Finanzielle Einbußen durch Kurzarbeit oder Jobverlust seien für viele Familien ein zusätzlicher Stressfaktor, so Doris Jenni.

 

Da sein, wo Hilfe gebraucht wird …

Die sozialen Folgen der Coronapandemie treffen ganz konkret Menschen und Familien in Vorarlberg und bringen sie in Not. Eine solche Situation ist naturgemäß auch für die Caritas mit besonderen Herausforderungen verbunden. Was zählt ist, dass die Caritas auch und gerade in dieser Zeit für Menschen da ist, die Hilfe brauchen. So hatten die Beratungsstellen Existenz&Wohnen auch während des Lockdowns durchgehend geöffnet. Auch die Notschlafstelle ist in Zeiten, wo immer und überall „zuhause bleiben“ angesagt ist, für Menschen, die kein Zuhause haben. ein Ort der Zuflucht.

 

In den kommenden Monaten ist die Caritas wohl in zwei Themen in besonderer Weise gefordert:

-       Das Auffangen von Einzelpersonen und Familien, die ihre Grundbedürfnisse nicht mehr decken können, die finanziell nicht mehr über die Runden kommen oder Gefahr laufen, ihre Wohnung zu verlieren.

-       Kinder und Jugendliche, deren gute Entwicklung gefährdet ist. Denn Corona lässt die Bildungsschere noch weiter aufgehen und verstärkt die Ungleichheit der Bildungschancen von Kindern.

 

„Jetzt zählt, dass wir als Gesellschaft zusammenstehen und es uns gelingt, dass in dieser Corona-Krise niemand den Anschluss verliert“, so die Bitte von Caritasdirektor Walter Schmolly. „Wir müssen vor allem diejenigen in den Blick nehmen, die am meisten gefährdet sind, weil die Pandemie sie am härtesten trifft. Sie brauchen jetzt rasche und kompetente Hilfe, damit sie dann wieder selbstbestimmt den Weg nach vorne in die Zukunft gehen können. Die Caritas kann hier vor allem auch deshalb helfen, weil Menschen dieses Helfen durch ihre Spende ermöglichen. Allen Spenderinnen und Spendern an dieser Stelle schon ein großes Danke!“

 

Jeder Euro = Hilfe gegen Armut

Caritas-Spendenkonto - Raiffeisenbank Feldkirch,

IBAN AT 32 3742 2000 0004 0006

Kennwort: Inlandskampagne, Online-Spenden: www.caritas-vorarlberg.at

 

Die Caritas Vorarlberg bietet auch Hilfesuchenden die Möglichkeit, anonyme Anfragen zu stellen. Kontakt: beratung@caritas.at