Der lange Weg ins Glück

01.02.21 / 11:34

Rund 4.500 Kilometer ist die Entfernung von Iran nach Österreich – für Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen, bedeutet das wochenlange Fußmärsche – und eine gefährliche Bootsfahrt von der Türkei nach Griechenland! Im Herbst, bei kalten Temperaturen, nur mit dem ausgestattet, was mit bloßen Händen getragen werden kann. Familie Musawi hat das Unglaubliche mit zwei Kleinkindern geschafft und ist im Herbst 2015 nach Österreich geflüchtet – und hat im Montafon eine neue Heimat gefunden.

 

„Unglaublich gastfreundlich und sympathisch“ sind die ersten Eindrücke, wenn man die Wohnung der Familie Musawi in Schruns betritt. Die kunstvollen Teppiche vermitteln eine warme Gemütlichkeit, das Kinderzimmer ist ganz in rosa getaucht und der Traum der inzwischen drei kleinen Mädchen, der Tisch ist gefüllt mir allerlei Leckereien und köstlich duftendem Tee, die Stimmung ist herzlich und liebevoll. Ahmad Musawi ist 36 Jahre alt und sichtlich stolz auf seine vier Frauen, die sein Leben scheinbar perfekt machen. „Wir sind so glücklich hier und lieben das Leben hier im ruhigen Montafon zwischen den Bergen“, strahlt der junge Mann und man glaubt ihm das sofort. Während Najme Tee serviert und die herumtollenden Mädchen zu bändigen versucht, erzählt Ahmad in sehr gutem Deutsch, wie es war, als sie vor rund sechs Jahren ihre Heimat Iran verließen und ohne Ziel und Vorstellungen, zu Fuß und kaum Geld, in eine neue Zukunft aufbrachen, ohne zu wissen wohin sie ihr Weg führen wird: „Ich möchte diese Zeit der Flucht eigentlich am liebsten vergessen, denn es war das schlimmste, das ich je erlebt habe. Doch wir hatten keine Wahl. Najme und ich haben beide die afghanische Staatsbürgerschaft, lebten aber seit unserer Kindheit mit unseren Familien im Iran. Doch wir erhielten nie offizielle Dokumente dort und konnten daher nicht legal arbeiten“, erzählt der junge Mann, der sich im Iran mit Jobs auf Baustellen über Wasser gehalten hat. „Für uns und unsere Kinder gab es keine Möglichkeit, legal dort zu leben, außer ich würde mich für drei Jahre verpflichten nach Syrien in den Krieg zu ziehen. Wenn ich das getan hätte, hätte ich die nötigen Papiere im Iran erhalten, falls ich überlebt hätte“, erzählt der dreifache Vater traurig.

 

Flucht ins Unbekannte
So blieb also nur die Flucht ins Unbekannte – ungefähr vier Wochen, großteils zu Fuß und mit einem wackeligen Boot - mit einem Säugling und der ältesten Tochter Zahra, die damals drei Jahre alt war. Traumatische Erlebnisse wie das Durchlaufen eines flachen Sees, in dem Ahmad mit seiner kleinen Tochter auf den Schultern beinahe ertrunken wäre und ständige Schüsse an der Grenze zwischen Iran und der Türkei sind noch immer in den Köpfen der Eheleute. „Die Soldaten schossen im Dunkeln einfach auf Menschen an der Grenze, wir hörten ständig Schüsse, wussten, das Männer, Frauen und auch Kinder getötet wurden“, erzählt er und seine Frau Najme kann kaum die Tränen zurückhalten, als ihr Mann über die wohl schrecklichsten Wochen in ihrem Leben erzählt. Schließlich landeten sie in Graz, wurden in einigen Camps versorgt und kamen am Ende ihrer Flucht schließlich nach Vorarlberg. „Wir wussten damals nichts von Österreich, noch weniger von Vorarlberg. Man sagte uns nur, es wäre in der Nähe von der Schweiz“, erzählt der junge Mann.

 

Grillen geht immer

Heute, rund sechs Jahre später, hat es die Familie geschafft und ist sprichwörtlich angekommen. Ahmad arbeitet seit drei Jahren bei Getzner Werkstoffe in Bürs, erhielt rasch eine fixe Anstellung und wurde kürzlich sogar zum Maschinenführer befördert. Auch seine Frau arbeitete bis zum ersten Lockdown im März in einer Jugendeinrichtung in Schruns: „Wir fühlten uns von Anfang an wohl hier im Montafon. Unsere Kinder verstehen den Dialekt besser als wir, gehen alle drei zum Tanzen in die Musikschule und sind bestens integriert“, erzählen sie, während die vierjährige Elena fröhlich auf dem Sofa herumturnt. Probleme mit den Montafonern gab es bisher noch nie: „Wir haben hier viele gute Freunde gefunden, mit denen wir viel Zeit verbringen, zumindest war es vor Corona so. Vor allem haben wir immer viel zusammen gegrillt, weil da ist nicht viel Unterschied zwischen der heimischen und unserer traditionellen Küche – grillen geht immer“, lacht der gebürtige Afghane, der sich sichtlich wohl in seiner Haut fühlt. Auf die Frage, was denn nun noch zu ihrem Glück fehlt, sind sich die beiden einig: „Wir hätten gerne die österreichische Staatsbürgerschaft und unsere richtigen Geburtsdaten in unseren Dokumenten.“ Denn, weil sie keine offiziellen Dokumente aus dem Iran hatten, wurde überall immer nur 1.1. und das Geburtsjahr eingetragen, außer bei ihrer jüngsten Tochter, die hier in Österreich geboren wurde.