Lesen holt die Welt ins Haus

11.02.21 / 13:47

Am 21. Februar ist der internationale Tag der Muttersprache - oder vielleicht doch der Vatersprache - und dann gibt es da noch die Familiensprache! Allein in Österreich werden laut UNESCO rund 250 verschiedene Sprachen gesprochen, neben Deutsch vor allem die kroatische und die türkische Sprache. Für die Kinder mit nicht deutscher Mutter- oder Vatersprache ist das manches Mal eine Herausforderung, aber auch eine enorme Chance.

 

Buntes Sprachengewirr herrscht in den neun Lerncafés der Caritas Vorarlberg. Die rund 320 Kinder im Alter zwischen acht und 14 Jahren werden hier von Freiwilligen betreut und begleitet – und das vor allem in den Hauptfächern. Die meisten von ihnen haben eine nicht-deutsche Mutter- oder Vatersprache. „Gar nicht so selten kommt es vor, dass Mutter und Vater unterschiedliche Sprachen sprechen und die gemeinsame Umgangs- oder Familiensprache dann deutsch ist“, weiß Bea Bröll, Stellenleiterin der Caritas Lerncafés. Was im ersten Moment schwierig und kompliziert klingt, ist es aber meistens für die betroffenen Kinder gar nicht: „Kinder können mit mehreren Sprachen innerhalb einer Familie gut fertig werden, wenn die Sprachen jeweils einer Person zugeordnet werden. Außerdem pushen sich diese Sprachen gegenseitig, wobei sie nicht immer auf dem gleichen Stand sind, weil sie unterschiedlich angewendet werden“, so Bea Bröll weiter. Häufig ist die Ausprägung der Sprache abhängig von der Lebensphase des Kindes, denn ist es zum Beispiel sehr aktiv in einem Verein verwurzelt, wird die Sprache Deutsch wohl immer mehr in den Vordergrund rücken.

 

Bea Bröll weiß: „Gut geförderte Mehrsprachigkeit kann, wie vielfach belegt, positive Auswirkungen haben. Dazu gehört zum Beispiel die Fähigkeit, erweiterte Problemlösestrategien zu entwickeln. Mehrsprachigkeit ist also nicht mehrfache, defizitäre Einsprachigkeit, sondern inkludiert neue kognitive und linguistische Fähigkeiten. Die Politik sollte diese Mehrsprachigkeit zahlreicher Kinder als Ressource für die Gesellschaft sehen und dieses Potential aufwerten, denn noch immer sind manche Sprachen eher ein Stigma als eine Bereicherung und diese Einstellung sollte sich dringend ändern.“

 

Lernen mit allen Sinnen
Sprache muss mit Bildern im Kopf verbunden werden: „Denn es nutzt nichts, zum Beispiel das Wort „Schaufel“ zu kennen, wenn man noch nie zuvor eine Schaufel gesehen hat“, erklärt die erfahrene Pädagogin aus Dornbirn. Und genau da setzt auch die Unterstützung in den Caritas Lerncafés an: „Neben dem klassischen Lernen, der Erledigung der Hausaufgaben und der Erarbeitung von Schulstoff bleibt hier viel Zeit für Lesen, Spielen und für soziale Interaktion, auch wenn das derzeit durch Corona leider stark reduziert werden musste. Sie weiß: „In den Familien wird leider immer weniger miteinander gesprochen und auch das Lesen und das Vorlesen geht zunehmend verloren. Dabei ist genau das so wichtig für das Erlernen der Bildungssprache. Und es fördert die sozialen Kompetenzen der Kinder, ermöglicht wertvolle Familienzeit. Mit Büchern holt man sich die Welt ins Haus und das ist ein riesiger Schatz für die Bildungszukunft der Kinder.“ Darum wird dem Lesen auch in den neun Lerncafés, die es seit 2011 in Vorarlberg gibt, eine große Bedeutung zugewiesen. Dabei wird immer einmal wieder auf digitale Technik zurückgegriffen, wenn ein Wort noch nicht verstanden wird. Ein Klick und schon ist auf einem Bild im Internet zu erkennen, was als geschriebenes Wort im Lesebuch eines Lerncafé-Kindes nicht gleich verstanden wird. Und wenn das Kind eine andere Mutter- oder Vatersprache hat, wird das gesuchte Wort auch gleich in diese Sprache übersetzt. „Lernen funktioniert am besten mit allen Sinnen. Und wenn ein Kind mal nicht versteht, was Moos oder ein Gänseblümchen ist, wird es kurzerhand möglichst direkt damit konfrontiert. Wie fühlt sich weiches und feuchtes Moos an, oder wie riecht ein Gänseblümchen? Wer das mit allen Sinnen erfasst, merkt sich das Gelernte leichter und kann es in Zukunft auch richtig anwenden.“