Seine Hand liegt auf seiner Stirn. Miasnik denkt.
Nun führt er die Hand an seinen Mund und berührt seine Lippen mit Daumen und Zeigefinger. Miasnik will etwas sagen. Seine Hand schnellt davon und er zeigt wohin. Miasnik hat etwas gesagt.
Ich spreche kein Armenisch. Und dennoch verstehe ich Miasnik nicht schlechter als meine einheimischen Kollegen, denn Körpersprache ist nicht an die Zunge gebunden und das eine Wort, das er kann und womit er jeden anspricht, nämlich „Tatik“, verstehe ich natürlich. Als zwanzigjähriger Mann gehe ich ja durchaus davon aus, mit „Oma“ angesprochen zu werden.
Auch Teresa spricht nicht mit der Zunge. Trotz der zusätzlichen Schwierigkeit, ihre Bewegungen zu kontrollieren, kann sie sehr gut mit Gestik und Mimik kommunizieren. Ihre Mittel sind die gleichen wie jene Miasniks, und dennoch spricht sie beinahe eine andere Sprache als er.
Sevak spricht mit der Zunge, jedoch nur Armenisch. Was zu tun ist, wenn „Tina Dutta“ fällt, weiß ich dennoch. Auch inmitten armenischer Wörter verstehe ich den Namen der indischen Schauspielerin, in die der Jugendliche verliebt ist. Er will, dass man ihm Photos von ihr zeigt. Sevak und ich verstehen uns sehr gut, obwohl wir einander eigentlich kaum verstehen. Er kann in etwa so viel Russisch wie ich Armenisch; mit Dolmetsch von Kollegen, Körpersprache und Großzügigkeit gegenüber sprachlicher Ungenauigkeit können wir aber miteinander sprechen. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch persönlich wertvoll. Sevak sieht seine durch Infantile Cerebralparese bedingte Behinderung sehr klar und bemüht sich in seinem pubertären Trotze nur sehr wenig, das Beste aus sich herauszuholen. Kritik von seiner Gruppenleiterin Venera nimmt er nicht an. Von mir jedoch, der ich eher in der Rolle eines Freundes denn einer Respektperson bin, noch eher.
In den Gruppen verbringe ich ein wenig Zeit mit den Kindern, meinen persönlichen Kontakt zu ihnen pflege ich eher beim Mittagessen, zwischendurch am Gang und in den Musikstunden. Mikael, zum Beispiel, liebt es, mit mir gemeinsam auf dem Tahol zu trommeln, während Gohar, die Musiklehrerin, am Klavier spielt. Wir arbeiten überhaupt sehr gut zusammen. Natürlich leitet sie die Stunden, worüber ich auch sehr froh bin, da ich in den paar Stunden, die ich ohne sie abhalte, immer merke, wie schwierig es ist, gleichzeitig zu spielen, die Kinder bei Laune zu halten und ihnen dabei noch etwas beizubringen. Dennoch nimmt sie mich in ihrer Offenheit als vollwertigen Kollegen an. Nicht nur wegen meiner pianistischen Fertigkeit, sondern ebenso wegen meines frischen und unverfälschten Zugangs zu den Kindern. Sie und die Psychologin Karine binden mich auch oft in ihre Gespräche ein und interessieren sich auch sehr für meine Meinung zu den Kindern. Dies ist typisch für das Aregak-Zentrum. Die Menschen hier sind offen, von jedem etwas zu lernen. Kinder von Betreuern, Betreuer von Freiwilligen, Freiwillige von Kindern.
Denn Offenheit und Herzlichkeit bestimmen das Wesen des Zentrums. Seine Gestalt und sein Geist atmen sie. Dies spüren die Kinder. Sie werden unbedingt angenommen, man nimmt sich ihrer unbedingt an und beschneidet sie trotz der Schwierigkeit, die die Betreuung behinderter Kinder mit sich bringt, nicht in ihrer Freiheit, wiewohl es natürlich Regeln und Ordnung im richtigen Ausmaße gibt, so dass die Kinder hier – wenngleich sanft und verständnisvoll – auch erzogen werden.
Diesen Geist tragen alle Mitarbeiter in sich und somit ist die Stimmung auch innerhalb der Kollegenschaft sehr gut. Sowieso beim obligaten Kaffee, dem Herzstück des armenischen Zusammenlebens und -seins, aber auch bei der Arbeit mit den Kindern oder im Bureau. Letzteres ist das internationalste Fleckerl des Zentrums. Oftmals sitzen und arbeiten hier Armenier, Amerikaner, Franzose und Österreicher neben- und miteinander. Der Österreicher, ich, erledigt hier unterschiedliche schriftliche Aufgaben in Deutscher, Englischer und Russischer Sprache, gern auch als Übersetzer zwischen ebendiesen.
Neben den Kindern selbst, der Herzlichkeit und Freude, die sie schenken, sind die Kontakte und Freundschaften zu den sowohl armenischen, als auch internationalen Kollegen ungemein bereichernd. Und manchmal kommt es vor, dass man zu dritt ist, einer Armenisch und Russisch, einer Russisch und Englisch und einer Englisch und Armenisch spricht und man folglich keine gemeinsame Sprache findet. Da kann und muss man auf die Sprache(n) zurückgreifen, die man von Miasnik und Teresa lernt.
Laurenz Eigner, Freiwilliger im Emili-Aregak-Zentrum seit dem 2. Oktober 2018
