Sich mit der Vergänglichkeit anfreunden: Hospiz-Vortragsreihe „Vom Mut zur Endlichkeit“ wird 2027 fortgesetzt

Erstmals bot Hospiz Vorarlberg eine Möglichkeit, sich in feiner Atmosphäre, ganz ungezwungen mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Die Resonanz war so groß, dass die Vortragsreihe im Frühjahr 2027 fortgesetzt wird.

Christian Rutishauser, Andreas Batlogg, Helga Kohler-Spiegel und Barbara Knittel: Vier Namen, vier ganz unterschiedliche Zugänge zu einem Thema: „Mut zur Endlichkeit“. Haben wir den? Ist der eigene Tod als einzige Gewissheit nicht ein Skandal? Hunderte Besucherinnen und Besucher der vierteiligen Vortragsreihe füllten die Aula Bernardi bis auf den letzten Platz. Sie brachten vor allem Neugier mit und vorbehaltlose Offenheit. 

Die rund 260 Ehrenamtlichen der Hospiz Vorarlberg haben ihre Zentrale nicht zufällig im ehemaligen Sanatorium des Bregenzer Zisterzienserklosters Mehrerau. Dort wurden seit den 1920er Jahren Kranke liebevoll behandelt. Heute begleiten Profis und Ehrenamtliche Hand in Hand Menschen auf ihrem letzten Weg.

„Der Mensch weiß, dass er sterben wird“, sagt der Jesuit Christian Rutishauser. Das macht ihm Angst. Dabei fürchtet der Mensch nicht den Tod, wohl aber die totale Sinnlosigkeit. Deshalb sterben Menschen leichter, die ein sinnerfülltes Leben hatten. Rutishauser rät dazu, das Sterben zu üben. Das lehrt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Religionen rufen den Menschen zudem auf, vor allem zu lieben, „ein Stück selbstlos zu leben, sich für etwas Größeres einzusetzen.“ Denn „Liebe ist Sinn in Potenz“. 

Bewährungsprobe
Was „Mut zur Endlichkeit“ konkret bedeutet, hat der Lustenauer Jesuit Andreas Batlogg erfahren. 2018 erkrankte er an Darmkrebs. Es folgten vier Operationen, Chemotherapie, künstlicher Ausgang. Er hat sein bislang persönlichstes Buch darüber geschrieben. Denn je mehr uns das Endliche bewusst ist, „desto können wir wirklich leben, dankbar und aufmerksam“. Es lässt sich gelassener leben aus dem Bewusstsein der Endlichkeit heraus. Batlogg hat lernen müssen, mit der eigenen Verletzungsgeschichte umzugehen. Er ist kein neuer Mensch geworden, „das wäre eine Illusion“. Aber der Theologe ergänzt: „Was nicht angenommen ist, kann nicht erlöst werden.“ Heilung ist ein langer Weg.

Hilfe in verletzlichen Zeiten
Die Psychotherapeutin Helga Kohler-Spiegel zeigte am dritten Vortragsabend Wege zur Resilienz auf. Wir leben in verletzlichen Zeiten. Kriege, Krisen, Jobverlust, Trennung – die Belastungen steigen. Reizüberflutung und Bewegungsmangel, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit, belasten alle. „Weil das so ist, brauchen wir innere Stärke.“ Dabei bedeutet Resilienz nicht, schnell wieder zu funktionieren. „Innere Stärke zeigt sich nicht im Vermeiden von Schmerz, sondern im Aushalten, im Durchleben, im Sich-berühren-Lassen, im nicht Vereinzeln, nicht im Verstummen.“ Resilienz ist keine Charaktereigenschaft glücklicher Menschen, sondern ein lebenslanger Entwicklungsprozess. Wie das gelingen kann? Zunächst durch Beziehung. „Bindung stiftet Sicherheit und ermöglicht Halt, auch dann, wenn Worte fehlen.“ Sinn ist ein zweiter Resilienzfaktor, das kann auch bedeuten, das Unabänderliche anzunehmen. Zum dritten die Selbstwirksamkeit: Handlungsfähig bleiben, den Gestaltungsspielraum im Blick behalten. „Selbstwirksamkeit zeigt sich manchmal im Tun und manchmal im Lassen.“

Es muss doch mehr geben!
Wie viele Male gibt es noch ein Aufwachen? Das fragt sich Barbara Knittel manchmal. Die Feldkircher Psychotherapeutin ist 86 Jahre alt. Gern zitiert sie ein Gedicht von Rose Ausländer. Sie schrieb es am Lebensende: „Wirf Deine Angst in die Luft – noch bist Du da, sei, was Du bist, gib, was Du hast.“ Wie viel Lebensmut aus diesen Zeilen spricht! Barbara Knittel hat gelernt, sich gnädig zu betrachten. „In jeder Lachfalte, in jeder Gramfalte liegt Lebenszeit und Endlichkeit. Das hat mit Schablonenschönheit nichts mehr zu tun.“ Heute denkt Barbara Knittel darüber nach, ob nicht „aus viel umfassenderen Dimensionen etwas in unser Leben hinein sickert“. Die protestantische Theologin Dorothee Sölle war überzeugt: „Es muss doch mehr als alles geben.“ Das drückt nicht zuletzt Respekt vor der menschlichen Begrenztheit aus. 

Vom Mut zur Endlichkeit: Themen und Termine 2027

13. Jänner 2027: Albert Lingg spricht über den assistierten Suizid

3. Februar 2027: Daniela Egger nimmt sich des Themas Würde im Sterbeprozess an. 

24. Februar 2027: Gespräch mit der Bregenzer Psychotherapeutin Hemma Tschofen über die Lebensbilanz Sterbender.

10. März 2027: Propst Martin Werlen OSB spricht darüber, was ein Leben lebenswert macht. Seinen Titel „Dass Menschen wieder Menschen werden“ hat er von Carl Lampert entlehnt.

Der QR-Code zu allen Vorträgen ist im Anhang.